[Das Wort zum Sonntag] Am falschen Ort geboren

[Das Wort zum Sonntag] Am falschen Ort geboren

»Woher kommt ihr?«, frage ich meine Schüler am ersten Tag unseres Computerkurses. Die Antworten sind bunt gemischt. »Aus dem Kongo.« »Somalia.« »Ich komme aus Swasiland.« »Namibia.« »Soweto»Und was wünscht ihr euch von diesem Kurs hier?« »Wir wollen mehr über den Computer lernen.«

Sie wirken in meinen Augen nicht unbedingt wie die tickenden Zeitbomben, als die sie von Zulu König Goodwill Zwelithini und Edward Zuma, dem Sohn des Präsidenten betitelt wurde. Im Gegenteil, das einzige was bei ihnen tickt, ist vielleicht die Uhr im Hintergrund, die mir sagt, dass wir schon wieder fast ein Drittel des Kurses damit verschwendet haben, auf die Nachzügler zu warten. Pünktlichkeit ist nämlich in Südafrika sehr optional.

Aber Pride und Soslinah und Vivien und Welcome und Zusuliwe haben Glück, dass sie hier sitzen. In meinem Kurs. Und nicht in irgendeinem Kurs irgendwo weiter oben im Norden, in Johannesburg oder Durban wo die unbedachten, hasserfüllten Worte eines Zulu-Königs einen Ausbruch fremdenfeindlicher Gewalt ausgelöst hat. Auf den Straßen werden Menschen mit Benzin überschüttet, Kinder werden getreten, Frauen geschlagen und Geschäfte ausgebrannt. Das alles passiert tausende Kilometer weg von mir. Aber es passiert in dem Land, in dem ich mich gerade befinde.

Und es passiert in einem Moment, in dem ich selbst Ausländer bin und anderen Ausländern erkläre, wie sie eine Maus benutzen und wie sie sich das Internet vorstellen können. Der Gedanke bringt mich zum Schaudern. Wir sind alle Ausländer hier. Sie und ich und der Lab-Manager und meine Nachbarn und deren Nachbarn auch. Und wir sind alle hierher gekommen, weil Südafrika uns hier haben wollte und brauchte. Und welche Macht hat überhaupt so ein Zulu-König, über ein demokratisch regiertes Land zu bestimmen und es so stark zu beeinflussen?

Ihr einziger Fehler? War es, in eben diesem Land geboren zu sein! Absurderweise kann ich nicht sehen, woher sie stammen. Für mich sind sie alle einfach dunkelhäutig. Schwarz, um mal politisch inkorrekt zu sein. Und alle gleich in ihrem Bedürfnis zu lernen und voran zu kommen, um Leben. Was macht da ihr Geburtsland also schon für einen verdammten Unterschied? Quelle: dpa via Die Welt

Übrigens gibt’s zu genau diesem Thema auf dem Blog MuhKuhAddict gerade die tolle Beitragsreihe „Eine Bühne für Bunt“, deren Anlass natürlich nicht unbedingt der Schönste ist.  Trotzdem freu ich mich sehr, mit meinem Beitrag auf der Bühne zu stehen und ich hoffe, es finden sich noch ein paar, die vielleicht auch mit dabei sein wollen und einen Beitrag gegen Fremdenfeindlichkeit verfassen möchten – schließlich sind wir Blogger und was wir haben ist unsere Stimme. Also würde ich mich freuen, wenn ihr mitmacht und auch colourful seid.
 

Kathi Daniela

Kathi Daniela

Kathi ist Journalistin, arbeitet aber momentan im Projektmanagement und bloggt hier über ihre Auswanderer-Erlebnisse in Südafrika. Bevorzugt hält sie sich irgendwo in direkter Nähe zum Meer auf.
Kathi Daniela


9 thoughts on “[Das Wort zum Sonntag] Am falschen Ort geboren”

  • Ohh! Toller Beitrag, wirklich. Das ist schon manchmal krass zu sehen, wie wir hier in Deutschland einfach alles haben und uns gar keinen Kopf darüber machen, wo es herkommt. Und dann gibt es Länder, in denen das nicht mal die Hälfte der Einwohner von sich behaupten kann..

    Und noch zu Musik & Du: Ist doch kein Problem. Es gibt immer wieder Dopplungen 🙂 Deine Story dazu ist sicher auch eine ganz andere als meine 🙂 Freue mich riesig auf deinen Beitrag!

    Ahoi xx

  • Danke dir!! 🙂
    Ja, man lebt hier einfach viel bewusster. Ich habe das Gefühl, die Menschen wissen das wenige, was sie haben, einfach viel mehr zu schätzen. Gerade Bildung – die sind so dankbar für die kleinen Dinge, die wir ihnen beibringen können. Und dann ist der Gedanke noch viel schlimmer, dass sie einfach aus dem Land verschwinden sollen, in dem sie noch ein paar mehr Möglichkeiten geboten haben, als in ihrem Heimatland….

    Und meine Story für Musik & Du kommt auf jeden Fall 🙂

    Schönen Sonntag dir. xo

  • Großartig, ein wirklich toller Beitrag! Ich vermisse leider gerade in der so genannten Reisebloggerszene diese nachdenklichen Beiträge, die sich mit der aktuellen politischen Lage auseinandersetzen. Und da es gerade mal 4 Monate her ist, dass ich in Südafrika war, haben mich die Ereignisse natürlich nochmal besonders berührt (insbesondere, da ich jetzt kaum mit Heititei-Artikeln über Südafrika kommen möchte… )
    Also: Danke! Und Dir eine gute Zeit weiterin, ich bleibe ab jetzt Leserin.
    LG /inka

  • Liebe Inka,
    vielen Dank für deinen Kommentar. Auch, wenn ich mir eigentlich wünsche, dass ich so einen Post gar nicht erst verfassen müsste, finde ich es trotzdem schön, auf Resonanz zu stoßen und ein bisschen Aufmerksamkeit zu erregen. Es ist so leicht, einfach „im Urlaub“ zu sein und die aktuellen Geschehnisse zu ignorieren, aber ich finde, gerade wenn man vor Ort ist, sollte man sich wirklich damit auseinandersetzen – vor allem, weil auch Freunde betroffen sind, die ich hier kennen gelernt habe.
    Danke dir und ich freue mich, öfter von dir zu hören und dass du als Leserin hier bei mir bleibst 🙂
    Alles Liebe,
    Kathi

  • Cool, freu mich drauf! 🙂

    Fahre dieses Jahr wieder, ja 🙂 Und habe auch vor so oft wie möglich wieder hinzufliegen. In ein paar Jahren ist schon ein riesiger Roadtrip mit einer Freundin geplant. Über Schottland und komplett Irland!

  • Kathi, ernsthaft. Ich hab jetzt ein bisschen weinen müssen.
    Alles scheint immer so weit weg – und dann bist du, jemand nahes, da- und plötzliches kriegt man einen gganz anderen Bezug zu diesem Thema.
    Da schaudert es doch einen.

    Ich drück dich fest!

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