Das Wort zum Sonntag — Schiefe Bedürfnispyramiden

Das Wort zum Sonntag — Schiefe Bedürfnispyramiden

Wir laufen gemütlich nebeneinander den Weg zurück, den wir gekommen sind. Es ist ruhig geworden im Park, die Sonne ist schon fast untergegangen und die Spaziergänger haben ihre Hunde wieder angeleint und nach Hause geführt. Nur ein paar Jogger überholen uns, währen der späte Nachmittag lange Schatten wirft und die roten, gelben und braunen Blätter unter unseren Turnschuhen knirschen.

»Du bringst alles für mich irgendwie immer wieder in die richtige Reihenfolge«, sagt sie, »wenn ich kurz davor bin, durchzudrehen, dann hilfst du mir, meine Prioritäten wieder richtig zu setzen.«

Ich weiß nicht recht, was ich sagen soll. So ein Kompliment hat mir noch nicht oft jemand gemacht. Um Rat gefragt hat mich noch nicht oft jemand. Und einen Rat zu geben ist schwer, denn man lädt sich dabei immer ein stückweit auf Verantwortung auf. Guten Rat zu erteilen, ist verhängnisvoll, hat schon Oscar Wilde gesagt. Also zucke ich nur ein bisschen verlegen die Schultern.

»Ich kann nur erzählen, was bei mir funktioniert hat… es kann für dich ja ganz anders sein.«

Sie schüttelt den Kopf. »Nein, du setzt deine Prioritäten schon ganz richtig. Erst kommt dein Job, dann kommen deine Freunde und ganz am Ende erst, stehen die Männer und das daten. Du hast das so im Griff! Und wenn du mal einen kennen lernst, dann grübelst du nicht stundenlang drüber nach, was zu tun ist. Du schreibst ihm, du triffst dich und wenn du ihn nicht magst, verbringst du auch keine Zeit mit ihm, nur weil du ihn nicht abservieren und verletzen willst. Du kannst einfach gut alleine sein.«
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Mir fällt nichts darauf zu sagen ein, also hebe ich nur die Schultern und lächle verlegen.

Während ich darüber nachdenke: Komme ich wirklich so rüber – wie jemand, für den eine Beziehung ganz am obersten Ende der Bedürfnispyramide steht, noch hinter der Selbstverwirklichung?

Tatsache ist doch, dass wir in der heutigen Zeit alle busy sind. Da bleibt doch für klassisches Daten überhaupt keine Zeit. Wo soll man schon jemanden kennen lernen, auf dem Weg von der Redaktion zum Sport zum Abend essen und dann am nächsten Tag geht es von vorne los. Solange ich Mr. Right nicht aus Versehen irgendwo zwischen den Stationen meines Tages mit dem Fahrrad überrolle und eine Schmerzensgeldklage durch die Besänftigung des Geschädigten mit einem koffeinhaltigen Heißgetränk abwenden kann, stehen meine Chancen wohl eher mau im Moment.
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Und dazu kommt, das Alleinsein ist nichts, das schrecklich wäre.

Es ist auch nichts, das besonders schön ist. Aber es ist ein Zustand, an den man sich durchaus gewöhnen kann – und muss. Denn der einzige Mensch, mit dem die Beziehung ein Leben lang halten wird, ist man selbst. Und trotzdem ist es schöner, Erlebnisse zu teilen, Träume zu gestehen und Ideen gemeinsam zu verwirklichen.

Es ist ja nicht so, als ob wir keine Beziehungen haben wollen würden. Wir wollen sie. Doch wir wissen nicht, wo wir sie suchen sollen. Und wenn wir sie gefunden haben, beäugen wir sie kritisch, als hätten wir an Weihnachten unter einem kahlen Strauch auf einmal noch ein Osterei hervor gezogen und erwarten, dass es uns mit einem ganz und gar grauenhaften Gestank Übelkeit verursachen wird.

Um ehrlich zu sein haben wir unsere Beziehungslosigkeit nur uns selbst zuzuschreiben. Vielleicht sollten wir einfach mal unsere Bedürfnispyramide noch einmal neu anordnen – und uns selbst ein bisschen weniger Selbstverwirklichung und ein bisschen mehr Zeit zum teilen erlauben.

Und vielleicht sollte ich bei mir anfangen. Denn obwohl ich es besser weiß, sitze ich alleine hier – und aus den Wörtern in meinem Kopf wird keine Nachricht an ihn.

Kathi Daniela

Kathi Daniela

Kathi ist Journalistin, arbeitet aber momentan im Projektmanagement und bloggt hier über ihre Auswanderer-Erlebnisse in Südafrika. Bevorzugt hält sie sich irgendwo in direkter Nähe zum Meer auf.
Kathi Daniela


4 thoughts on “Das Wort zum Sonntag — Schiefe Bedürfnispyramiden”

  • Ganz wundervolle Worte!!!! Ich muss sagen dass die Worte, die da an dich gerichtet sind schon toll sind, weil ich das irgendwie ne gute Einstellung find. Wenn dann mal der richtige kommt und das Gleichgewicht von Ich und Wir passt, dann ist das super! Aber ich sehe sehr viele Frauen, für die es dann nur noch das Wir gibt! Die auch nur noch in Wir-Form reden und für die es außer ihrer Beziheung absolut nichts mehr gibt. Und das find ich sooooooo ugnlaublich furchtbar. Zu solchen Leuten beginne ich dann immer abstand aufzubauen weil ich mir das einfach nicht anhören kann und es schlimm find, wenn man keine eigenständige Person mehr ist. Wenn alles nur noch gemeinsam entschieden ist und man erstmal den Freund oder den Mann fragen muss. Ich finde es auch vollkommen in Ordnung mal allein zu sein. Ich finde Beziehungen zwar schön, aber dazu muss es eben passen und wenn es nicht passt, dann verwirkliche ich mich in der Zwischenzeit eben ein bisschen. Und wenn ne Bezihung gescheit ist, dann kann man auch beides tun! Leider war das in meiner alten Beziehung nicht der Fall, daher hab ich mich dann eben wieder auf den alleinigen Weg gemacht.

    • Danke für deine lieben Worte!!
      Ich kenn diese Wir-Pärchen auch (hab sogar welche in der Familie, wenn auch nicht im Freundeskreis) und tu mich auch sehr schwer damit, das zu verstehen. Es ist ja nicht so, als würde ich jemandem die Beziehung nicht gönnen, aber ich finde, dass es wichtig ist, dass man weiterhin selbst eine eigenständige Person bleibt, wie du schon sagst. Man ist ja auch ohne einen Mann noch ein komplettes Individuum! Ich finde es auch mutig, dass du sagst, du hast deine Beziehung beenden können. Viele trauen sich nicht, sich wieder alleine auf den Weg zu machen, und haben dann im Grunde genommen einen unglückliche Zeit. Das ist schade und muss nicht sein.

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