Das Wort zum Sonntag — Seit wann ist Liebe naiv?

Das Wort zum Sonntag — Seit wann ist Liebe naiv?

»Ruf den nicht an, der ist doch ein Arschloch.« »Aber das ist doch Blödsinn. Wenn ich schon mal wieder in der gleichen Stadt bin wie er… das passiert ja jetzt nicht unbedingt jedes Wochende.«, Ich habe irgendwie das Gefühl, ich muss mich verteidigen und vergrabe die Hände tiefer in den Hosentaschen. Es liegt der erste Hauch von Frühling in der Luft und sie ist noch kühl. Ich fröstle leicht. »Ja klar, aber schau mal: Er schreibt dir nicht mal zurück. Das ist doch ein deutliches Zeichen, dass er kein Interesse hat. Vermutlich wird er dir nicht mal antworten, wenn du ihm sagst, dass du dich gerne mit ihm treffen würdest und dann bist du bloß enttäuscht.« »Aber ich bin doch sowieso dort…«, versuche ich es noch einmal. »Und versaust dir eine schöne Zeit,weil du dich über ihn ärgerst? Wie du meinst… Aber ich würde dir dringend davon abraten.«
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Ich liebe sie. Ich liebe sie für ihre Ehrlichkeit. Und ich liebe sie dafür, dass sie sich Sorgen um mich macht. Ich bin mir auch zu einhundert Prozent sicher, dass sie sich nur das Beste für mich wünscht: Sie möchte nicht, dass ich verletzt und enttäuscht werde. Das sind alles Eigenschaften, die ich mir in einer Freundin wünsche und die ich sehr wertschätze. Ich kann mich glücklich schätzen, sie als Freundin zu haben, das weiß ich. Und dennoch: Es gibt Momente, in denen habe ich das Gefühl, ich würde lieber auf ihren Rat verzichten. Denn in diesen Augenblicken, da verschiebt sich vielleicht die Objektivität zugunsten einen subjektiven Urteils, das entsteht, weil Mädels einander Ärger und Enttäuschung ersparen möchten.
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Doch seit wann ist es eigentlich zum No-Go geworden, jemanden merken zu lassen, dass er mir wichtig ist?

Seit wann ist es ein No-Go, auf einen Menschen zuzugehen – weil er ja einen Rückzieher machen könnte? Ich weiß nicht, wann es passiert ist, aber in unseren Augen ist es nicht mehr schön und romantisch, für einen Mann alles auf eine Karte zu setzen und an die große Liebe zu glauben, sondern einfach nur naiv.

Wenn ich verliebt bin, dann verspüre ich nicht nur Verliebtheit, Aufregung und Vorfreude. Nein, da ist auch ein Gefühl der Angst. Warum? Weil es ja schief gehen könnte. Weil Mr. X damals ganz ghosting-mäßig aus meinem Leben verschwunden ist, als wäre er nie da gewesen. Oder weil Mr. Y mich mit der Arbeitskollegin total Klischee in der Firmenküche betrogen hat und weil Mr. W sich ins Ausland davon und davor Schluss gemacht hat, um auch ja um keine heiße amerikanische Schnitte einen Bogen machen zu müssen. Aber wenn ich nun Angst habe, noch mal so verletzt zu werden, hat jeder neue Kerl, den ich kennen lerne dann nicht auch Angst, verletzt zu werden? Und wie sollen wir dann jemals zusammen an einen Tisch kommen?
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Wir gehen von vornherein davon aus, dass unsere Dates sich zu Beziehungen entwickeln, die scheitern werden.

Oder wir gehen davon aus, dass es für eine Beziehung gar nicht erst reichen wird, da unser Gegenüber weder bereit ist, seine Gefühle an einen einzigen Menschen zu binden, noch fähig zur Ehrlichkeit ist. Wir verurteilen die Männer, die wir kennen lernen, bevor sie uns überhaupt einen Beweis zur Urteilssprechung geliefert haben. Wir stellen sie vor ein Gericht voreingenommener Geschworener – uns selbst und unsere Freundinnen, voll mit schlechten Erfahrungen, Misstrauen und der Angst, erneut verletzt zu werden.

Wir wollen nichts mehr riskieren, uns alles offen halten, und vergessen, dass wir uns dadurch schlussendlich keine Türen öffnen, sondern nur welche verschließen. Denn wer All-In geht, der kann alles verlieren – er kann aber auch alles gewinnen.

Kathi Daniela

Kathi Daniela

Kathi ist Journalistin, arbeitet aber momentan im Projektmanagement und bloggt hier über ihre Auswanderer-Erlebnisse in Südafrika. Bevorzugt hält sie sich irgendwo in direkter Nähe zum Meer auf.
Kathi Daniela


5 thoughts on “Das Wort zum Sonntag — Seit wann ist Liebe naiv?”

  • Für die sicherheitliebende Fraktion der Menschheit ist die Liebe schon immer „naiv“ gewesen.
    Schade ist nur heutzutage, dass viele so oft verarscht und enttäuscht werden, dass sie auch zu den sicherheitliebenden Menschen wechseln… lieber vorsichtig und allein sein bevor einem das Herz gebrochen wird.
    Hierzu sei noch gesagt, dass die eigene negative Erfahrung leider viel zu oft als Rat weitergegeben werden, aus Sorge, dass eine gute Freundin die gleichen Schmerzen und Enttäuschungen ertragen muss.
    Gott… wie sehr habe ich es damals gehasst, dass alle zu mir sagten, ich solle ihn in die Wüste schicken und dass er mich ja nur ausnutzen würde und und und… ich konnte all diese Sätze nicht mehr hören… und habe für mich entschieden, was das Beste sein würde: nämlich alles zu riskieren! Entweder es wird eine bittere Enttäuschung oder etwas wunderschönes daraus entstehen… und das Ende vom Lied? Wir sind zusammen gekommen und führen (in meinen Augen) die „perfekteste“ Beziehung, die wir jemals erlebt haben (obwohl es „perfekt“ in dem Sinne nicht gibt). 🙂
    Also: lass dich niemals von Ratschläge anderer (egal von wem oder wie lieb gemeint diese auch immer sind) bremsen!!! Es sind Erfahrungen, die nur du machen kannst und machen musst!!! Und egal, was daraus wird… das sind Dinge, die dich im Leben mit der Zeit prägen werden!!!
    Mittlerweile gebe ich meinen Mädels keine Ratschläge mehr… ich sage ihnen, was ich persönlich machen würde… betone jedoch immer wieder, dass ich den anderen Part nicht kenne und daher nicht sagen kann was am Ende bei rumkommen wird… mal ernsthaft… das kann doch eh niemand, oder? 😉

    • Hey meine Liebe,
      vielen Dank für deine netten Worte – und deine positive Geschichte! 🙂 Ich glaube ehrlich gesagt, dass viele Liebesgeschichten so hätten beginnen können, wenn man den dazugehörigen Mann nicht viel zu früh abgeschossen hätte. Keine Ratschläge zu geben, sondern nur zuzuhören und die Situation objektiv zu beurteilen, das versuche ich auch noch zu lernen – selbst, wenn es nicht immer leicht ist…
      Alles Liebe,
      Kathi

  • Hach Liebes das sind ganz wundervolle Worte mit denen du es echt auf den Punkt triffst. Ich verschließe mich selbst auch oft weil ich Agst habe abgewiesen zu werden. Und auch die Worte der Besten kenn ich nur zu gut. Ich bin zwar mittlerweile an dem Punkt, dass ich es auf mich zukommen lasse und rieskier dann auch mal was und schreib vllt von mir aus, aber hab dann trotzdem auch immer ein ungutes Gefühl im Unterbewusstsein, dass es nach hinten losgeht. Und so ehrliche Gespräche mit einer Person, die einen so gut kennt, die lassen einen dann selbst immer wieder daran zweifeln ob man sowas machen soll oder nicht. Aber wie du sagst, wer nicht wagt, der nicht gewinnt und man muss es eben versuchen. Wenn es nach hinten losgeht, dann geht es einem vllt erstmal schlecht, aber dann lernt man auch wieder ein bisschen was daraus, wenn es dann auch nicht gleich beim nächsten mal heissen soll, dass man es bei jemand anderem nicht auch wieder versuchen sollte.

    • Danke dir für die lieben Worte! 🙂
      Ich kenn das mit dem unguten Gefühl nur zu gut. Dann denkt man auch irgendwie, man hätte sich jetzt blamiert oder lächerlich gemacht oder so… dabei ist es ja alles andere als lächerlich, jemanden zu mögen und ihm das zu zeigen. Schön, dass wir die gleiche Einstellung zu dem Thema haben – aber das hab ich mir bei deinem Artikel über die Liebe auch schon gedacht hihi 🙂

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