Das Wort zum Sonntag — Warum ich nicht politisch bin

Das Wort zum Sonntag —  Warum ich nicht politisch bin

In den letzten Wochen lese ich mehr Zeitung, als jemals zuvor. Ich habe die Süddeutsche auf meinem Startbildschirm, ich habe die Welt und die Zeit und den Spiegel gebookmarked (was für ein blöder Anglizismus, schreibt man den überhaupt so?) und ich disktutiere mit meinen Freundinnen und meinen Arbeitskolleginnen darüber, was wir denken über die politische und wirtschaftliche Lage in der Welt.

Aber ich disktutiere nicht mit euch darüber, hier auf dem Blog. Nicht, weil ich kein Interesse habe, sondern weil ich finde, dass das auf meinem Blog nichts verloren hat – ich berichte übers Reisen, ich erzähle über Liebesdinge – und manchmal frage ich mich: Warum immer wieder Männer?
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Warum nicht mal was Ernstes?

Manchmal fühle ich mich schlecht, wenn ich über die nächste Reise schreibe, über den Kampf, mein Visum zu bekommen, über ein schlechtes Date, über eine dumme Bemerkung. Manchmal denke ich mir: Warum machst du das? Warum nicht mal Dinge ansprechen, die wichtig sind? Flüchtlinge kommen immer noch nach Deutschland und brauchen Hilfe, der Brexit, Donald Trump, die AfD, ja sogar Südafrika selber bietet genug Zündstoff. Warum schreibst du stattdessen über Pinguine und den Tafelberg?

Und es ist nicht so, dass ich nicht politisch bin und nicht politisch sein möchte. Es ist nicht einmal so, dass ich im Internet nicht politisch sein möchte. Jeder kann meine Meinung kennen – zu der stehe ich. Doch ich möchte nicht hier, auf meinem Blog politisch sein. Ich bin es leid, diskutieren zu müssen. Ich bin es leid, den Fernseher anzuschalten und jeden Morgen von einem neuen schlimmen Ereignis zu hören. Ich bin es leid zu spüren, wie ich selbst langsam Angst bekomme.
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Denn ja: langsam bekomme ich Angst.

Ich habe Gedanken wie: Sollte  ich meinen Flug über Istanbul Anfang August lieber stornieren oder umbuchen? Ich habe Gedanken wie: Kann ich noch auf dieses Festival gehen? Auf diese Open-Air-Veranstaltung? Und es macht mich wütend, denn ich war mir so sicher, diesem dumpfen Gefühl ausweichen zu können. Und nicht nur das. Ich gebe es offen zu: ich kann die Meldungen nicht ertragen. Ich kann die Toten nicht ertragen. Ich kann das Leid nicht ertragen. Ich kann die Vorstellung von zerstörten und zerrissenen Familien nicht mehr ertragen. Ich schalte nicht weg, ich schalte nicht um – aber manchmal, da schalte ich innerlich einfach ab.

Ich bin dankbar für meine Familie, die vereint ist. Ich bin dankbar für meine Freunde, die ich jederzeit erreichen kann. Ich bin dankbar dafür, wie gut es mir geht. Das vergesse ich gerade in der letzten Zeit keine Sekunde.

Und ich bin politisch. Ich möchte politisch sein.

Aber manchmal, da kann ich es einfach nicht.

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Foto: Caleb George Morris/unsplash.com

Kathi Daniela

Kathi Daniela

Kathi ist Journalistin, arbeitet aber momentan im Projektmanagement und bloggt hier über ihre Auswanderer-Erlebnisse in Südafrika. Bevorzugt hält sie sich irgendwo in direkter Nähe zum Meer auf.
Kathi Daniela


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