Cape Town: Das District Six Museum

Cape Town: Das District Six Museum

Ich gestehe: Ich bin ein To-Do-Listen-Reisender. Nachdem ich mein zukünftiges Reiseziel ausgiebig auf Twitter, Pinterest, Facebook und auch sonst allen möglichen Online-Kanälen gestalkt habe, setze ich mich hin und mach mich eine schöne, lange Liste mit allen Orten, Museen und Cafés, die ich besichtigen oder besuchen will. Meistens hat die Liste dann weit mehr Punkte, als ich Tage zur Verfügung habe, es ergibt sich irgendwas und ich mache vor Ort dann völlig andere Dinge. Das ist prinzipiell nicht schlimm, denn die Listen setzen mich nicht selber unter Druck. Ich fühl mich nicht schlecht dabei, sie zu ignorieren. Im Gegenteil: Wenn’s mir wo gut gefallen hat, sind sie ja der perfekte Anlass, um dort noch mal hin zu fahren.

Ganz ähnlich ging es mir in Kapstadt: Da bin ich lieber mit Freunden Wandern oder Wein trinken gegangen, statt richtig tief in die vielfältige und spannende Kultur der Stadt einzutauchen. Was aber auch daran liegen könnte, dass man als Nicht-Südafrikaner immer irgendwie Schwierigkeiten damit haben wird, das Prinzip Apartheid und seine Nachwehen nachzuvollziehen. Beim Mauerfall war ich auch erst ein kleiner Wurm, also kann ich da keine Parallelen ziehen, die ich selbst erlebt hätte. Ein Museum hab ich mir aber auch in Kapstadt trotz allem nicht entgehen lassen – und das war gut so:

Das District Six Museum

Cape Town, South Africa

Der District Six

District Six ist ein kapstädtischer Stadtbezirk, gegründet 1867. Vor allem freigelassene Sklaven, Händler, Künstler, Arbeiter und Immigranten lebten in dem zentrumsnahen Viertel. Bis in den 60er Jahren – zur Zeit der Apartheid – der Stadtbezirk zu einem Wohnviertel für Weiße erklärt wurde. Die Bewohner wurden gewaltsam vertrieben, der Stadteil geräumt und viele Gebäude abgerissen.

Zur Zeit der Apartheid war das Ziel der Regierung generell eine sogenannte urban relocation, also eine Umsiedlung der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Die Trennung zwischen schwarz und weiß sollte sich auch in den Wohnräumen deutlich niederschlagen. Schwarze und Coloureds wurden in die Townships und Cape Flats umgesiedelt, eine Ebene östlich des damaligen Kapstadt. Über 60.000 Menschen würden bis 1982 aus dem ehemals multikulturellen District Six vertrieben.

Erst 2003, also ganze neun Jahre nach der offizellen Beendigung der Apartheid, kehrten die ersten ehemaligen Bewohner in das Stadtviertel zurück. Die südafrikanische Regierung unter Nelson Mandela hatte neue Wohnhäuser bauen lassen, den Rückkehrern wurde feierlich von Mandela selbst der Schlüssel zu ihrer neuen Bleibe übergeben.

34016267_ec55076cb6_o

Ein Blick in die Vergangenheit

Das District Six Museum bietet einen Einblick in das Leben der Menschen dort vor ihrer Vertreibung, erzählt, wie sie die Räumung erlebt haben und wie ihr Leben danach ausgesehen hat. Das Museum ist nicht groß, ein hoher Innenraum und eine Galerie. Trotzdem gibt es einen guten Überblick über das Stadtviertel. Und meine private Meinung: Mehr Input als auf diesem kleinen Raum kann man gar nicht ertragen.

Die alten Holzböden und die Holzbänke im Inneren des Museums geben jedem Besucher das Gefühl, in die 60er Jahre zurückversetzt zu sein. Alte Schwarzweißfotografien hängen an den Wänden, die Straßenschilder der damaligen Zeit weisen den Weg in Straßen, die es heute nicht mehr gibt. Besucher schlendern vorbei an altmodischen Friseursalons, Barber Shops und können eienn Blick in die Zimmer der ehemaligen Bewohner von District Six erhaschen. Von irgendwoher schallt leiser der Klang einer Jazzband.

Doch dann, im Weitergehen: Zeugenberichte aus dem Cape Argus, Kapstadts Tageszeitung: Verwirrung, Unverständnis, Wut. Die Bewohner können nicht verstehen, warum sie ihre Häuser verlassen sollen. Es ist das Jahr 1959. An Litfasssäulen hängen diese berührenden Worte. Daneben weitere Schwarzweißfotografien von Menschen mit Sack und Pack, von Bulldozern und Schutthaufen. Verzweifelte Gesichter, Tränen, fassungslose Kinder. Die Bilder berühren. Machen fassungslos.
:

Ein neuer Anfang

Doch neben der Karte, auf der verzeichnet wurden, welche Häuser zerstört wurden, wie District Six früher aussah und was noch davon übrig ist, gibt es noch eine ganz besondere Karte im Museum: Knapp vier mal sechs Meter ist sie groß und alle Straßenzüge sind darauf verzeichnet. Alle Straßenzüge und alle Häuser, die wieder von ihren ehemaligen Bewohnern bezogen wurden.

Es wirkt wie ein Tropen auf den heißen Stein, denn die Entschädigung der vertriebenen Familien hat einen zu schalen Beigeschmack, als dass ein Wiederbezug ihrer alten Häuser nach 20 Jahre alles wieder gut machen könnte. Aber dennoch: Es ist ein Anfang. Und die Südafrikaner versuchen es – das ist doch auch schon etwas wert!

District Six Museum
25a Buitenkant Street, District Six | Öffnungszeiten: 9.00- 14.00 Uhr | Eintritt: 20 Rand, 5 Rand für Studenten6192301496_6268f0b6e8_o

Diesen Beitrag habe ich für Tanja Praskes Blogparade »Mein Kulturtrip für dich im Sommer« geschrieben. Schaut gerne mal bei ihr vorbei. Und: habt ihr auch einen Kulturtrip-Tipp für den Sommer? 

Fotos: fabulousfabs, jenniever, Monica Kaneko, thomas_sly/alle flickr.com

Kathi Daniela

Kathi Daniela

Kathi ist Journalistin, arbeitet aber momentan im Projektmanagement und bloggt hier über ihre Auswanderer-Erlebnisse in Südafrika. Bevorzugt hält sie sich irgendwo in direkter Nähe zum Meer auf.
Kathi Daniela


10 thoughts on “Cape Town: Das District Six Museum”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen