Das Wort zum Sonntag — Hallo, ich bin ein Eisberg

Das Wort zum Sonntag —  Hallo, ich bin ein Eisberg

Nächste Woche um diese Zeit werde ich in Sedgefield sitzen. Sedgefield liegt ziemlich genau mittig auf der Strecke zwischen Kapstadt und Port Elizabeth. So ein kleines Kaff, der indische Ozean schwappt gegen den Strand und umringt wird es von Nationalparks. In Sedgefield regnet es gerade, das habe ich gegoogelt. Und es hat »nur« 16 Grad. Das hab ich auch gegoogelt. Vielleicht machen wir ein Lagerfeuer. Und ein Braai. Jemand namens Dee, den ich noch nicht persönlich kenne, hat das vorgeschlagen. Vielleicht hat ja auch jemand eine Gitarre dabei. Es hat immer jemand eine Gitarre dabei. Und jemand anders kann singen. Summer of ’69,  It’s my life, irgend sowas, das jeder kennt halt.
:

Ich kann es mir überhaupt nicht vorstellen.

Ich kann mir nicht vorstellen, mit alten Freunden und neuen Bekannten in einem Strandhaus zu sitzen und mein neues Leben mit einem Black Label zu begießen. Ich kann mir nicht vorstellen, dort zu sitzen, auf der Ladefläche von einem Bakkie ein 30-Kilo-Koffer, der mein gesamtes Leben beinhaltet. Es ist so absurd, quasi genau auf der anderen Seite des Globus zu leben, wo der Sommer der Winter ist und der Winter der Sommer und das Wasser verkehrt herum abfließt (oder ist das nur ein Gerücht?). Und weil ich mir das faktisch überhaupt gar nicht vorstellen kann, ist auch das Verabschieden gar nicht so schlimm. Der Arbeitsspeicher unseres Gehirns ist auch nicht darauf angelegt, sich Dinge visuell auszumalen und vorzustellen.

Deshalb waren meine Abschiede bisher nicht schlimm. Eine Umarmung hier, ein paar gute Wünsche dort. Keine Tränen. Ich würde sicher heulen wie ein Schlosshund, würde meine beste Freundin sich in die Ferne verabschieden. Aber so… kann ich gar nicht greifen, was passieren wird. Also stehe ich betreten da, wenn ich Blumen und Briefe geschenkt kriege und wenn Menschen weinen und sagen: »Ich will nicht, dass du gehst.« Zucke verschämt die Schultern und fühle mich ein wenig so, wie wenn mich jemand beim Dschungel-Camp gucken erwischt: Peinlich berührt, dass ich es tue. Oder in diesem Fall eben nicht. Denn ich tue… nichts. Ich zeige keine Emotionen. Ich zeige keinen Abschiedsschmerz. Zumindest nicht vor den Augen der Menschen, denen ich es so gerne zeigen würde.
:

Abschied ist immer leichter für den, der geht.

Das ist eine ungeschriebene Regel. Denn derjenige, der zurückbleibt, der muss das Loch irgendwie füllen, dass bleibt. Derjenige, der geht, fügt sich vielleicht irgendwo anders in ein bestehendes Loch ein, kann irgendwo eine Lücke füllen – dieselbe vielleicht, die er daheim hinterlässt. Ich kann mich noch gut an Abschiede erinnern, bei denen ich derjenige gewesen bin, der geblieben ist. Bei denen mir ein Mensch das Herz ein bisschen angeknackst hat. Ich erinnere mich an Tränen und an verzweifelte Skype-Dates und daran, dass irgendwann die Zeit und die Entfernung ihren Dienst getan haben – und ich ihn allmählich vergessen habe. Erst, wie sich sein Lachen anhört, dann seinen Duft und den Klang seiner Stimme und irgendwann auch die Linien in seinem Gesicht und welche Linien die Sommersprossen auf seinen Schultern gezeichnet haben.
:

Und dann habe ich Angst.

Ich habe Angst, dass der Klang meines Lachens vergessen wird, der Klang meiner Stimme, wenn ich blöde Witze erzähle oder wie sich mein Gesicht verzieht, wenn das Telefon klingelt und meine Oma anruft. Ich denke an die Freundinnen, die ich nicht mehr sehen werde, sondern nur über Whatsapp-Voice-Nachrichten hören werde. Oder mit Hundeohren auf Snapchat. Ich denke an meine Mama, die mich braucht. An meinen Papa, der einsam ist. Ich werde sie alle schrecklich vermissen.

Und doch kann ich es mir einfach nicht vorstellen, ohne sie alle zu sein. Also verabschiede ich mich. Und bleibe dabei stumm und gelassen, wie ein Eisberg.

Doch unter der Wasseroberfläche tut mir mein Herz weh.
:

:

Foto: David Marcu/unsplash.com

Kathi Daniela

Kathi Daniela

Kathi ist Journalistin, arbeitet aber momentan im Projektmanagement und bloggt hier über ihre Auswanderer-Erlebnisse in Südafrika. Bevorzugt hält sie sich irgendwo in direkter Nähe zum Meer auf.
Kathi Daniela


6 thoughts on “Das Wort zum Sonntag — Hallo, ich bin ein Eisberg”

  • Genau so fühle ich mich aktuell auch.
    Zwar ziehe ich nicht ans andere Ende der Welt, aber auch vier Stunden, gerade wenn man das erste Mal von Zuhause auszieht, wirken auf einige in meinem Umfeld wie ein Weltuntergang. Auch wenn ich mir selbst noch nicht vorstellen kann, wie das sein wird, sie können es. Ich bin allgemein nicht für emotionale Ausbrüche bekannt, aber irgendwie werden sie dann ja doch erwartet. Komisches Gefühl.
    Anneke

    • Da stimm ich dir zu, Anneke: man fühlt sich einfach ganz komisch. Und ob man nun tausende oder nur hunderte Kilometer entfernt wohnt, ist fast schon egal. Sehen tut man sich dann kaum noch… ich wünsch dir das beste für deinen Neustart! 🙂

  • Hachhachhach. Ich gehöre ja eher der Schlosshund-Fraktion an. Und trotzdem kann ich mir vorstellen, wie du dich gerade fühlst. Genieße einfach die letzten Tage und verbringe Herzenszeit mit Herzensmenschen. Der Rest kommt schon von ganz alleine.
    Ein dicker Drücker zu dir,
    Mia

  • Das hört sich nach einem neuen aufregenden Kapitel an! Verständlich, dass man auch etwas wehmütig auf das Alte und Bekannte zurückblickt und gleichzeitig vor Freude auf das Neue kaum noch den Abflug abwarten kann… Habe ich das richtig verstanden, dass du auf unbekannte Dauer dorthin gehst?

    Love,
    Christina ♥
    cinapeh.blogspot.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen