Das Wort zum Sonntag — Trauen wir uns noch, uns zu verlieben?

Das Wort zum Sonntag — Trauen wir uns noch, uns zu verlieben?

»Ich muss dir was tolles erzählen!« sage ich und fühle mich ganz hibbelig. So wie ein kleines Kind an Weihnachten, kurz bevor es endlich ins Wohnzimmer gehen und die Geschenke unter dem Baum auspacken darf. Ich bin schließlich nicht oft diejenige, die mit solchen Geschichten rausrückt. Ich bin diejenige, die vom fünften schlechten Date erzählt. Ich bin diejenige, deren One-Night-Stand morgens um 5 heimlich aus der Wohnung geschlichen ist. Und ich bin diejenige, die beim Feiern den einzigen Mann weit und breit kennen lernt, der aus Australien kommt und gerade nur Urlaub macht. Kein Wunder also, dass ich es gar nicht abwarten kann, die Bombe platzen zu lassen.
»Wir ziehen zusammen!« Am anderen Ende der Leitung ist Stille. Ich kann verstehen, dass sie das erstmal schlucken muss. Dauersingle Kathi zieht mit jemandem zusammen? Oh glorious day! Stattdessen räuspert sie sich. Ich kenne sie schon lange genug, um zu wissen, dass irgendetwas unangenehmes folgt, wenn sie sich räuspert.
»Ähm… glaubst du nicht, das ist viel zu früh? Ihr kennt euch doch gar nicht lange genug!«
Ich bin so perplex, dass ich erstmal gar nichts sagen kann. Schließlich murmle ich ein paar Worte davon, dass man ja auch gleich ausprobieren kann, ob man zusammenpasst und lege schnell unter einem Vorwand auf.
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Doch ihr Kommentar lässt mich nicht los.

Wenn wir jemanden kennen lernen, dann versuchen wir ihn von Kopf zu Fuß zu durchleuchten. Gegoogelt haben wir ihn vorm ersten Date ja sowieso schon, sein Facebook-Profil gestalkt und am besten auch noch sein LinkedIn-Profil ausfindig gemacht.Wir versuchen uns sicher zu sein, dass das Objekt unserer eventuellen Begierde eine weiße Wese hat. Warte – wer hat denn mit Mitte 20 noch eine weiße Weste? Haben wir nicht alle schon Fehler gemacht? Wann sind wir so misstrauisch geworden? Ist es dank Tinder und Online-Dating-Webseiten, auf denen sich jeder die Persönlichkeit aneignen kann, die ihm gerade am besten gefällt?

Dabei haben wir uns auf dem herkömmlichsten Weg überhaupt kennen gelernt – auf einer Party bei Freunden. Gemeinsamen Freunden. Sie kennen ihn, sie kennen mich. Unsere Charakterzüge, unsere Eigenschaften, sind valide. Unsere gemeinsame Wellenlänge geprüft von den 10 Menschen, die wir auch als gemeinsame Freunde auf Facebook haben. Und trotzdem: Zusammenziehen, Verpflichtungen, Commitment. Das ist uns nicht geheuer.
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Wir möchten unsere Freiheit beibehalten.

Unsere Generation ist aufgewachsen in dem Glauben, dass wir uns selbst verwirklichen können. Es geht nicht darum, Kompromisse einzugehen, sondern darum den höchsten Punkt der Maslowschen Bedürfnispyramide zu erreichen: Die Selbstverwirklichung! Wir können alles sein: Businessleute, ganz klassisch oder digitale Nomaden, die ihr Leben und ihren Wohnort in jedem Augenblick selbst bestimmen. Es gibt so viele Möglichkeiten. Wir wollen keine Kompromisse eingehen.
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Doch wenn ich an meine Großeltern denke, dann war ihre Beziehung geprägt von Kompromissen.

Dann zog meine Großmutter für meinen Großvater in seine Heimat. Weil dort ein besserer Job war. Sie haben Opfer gebracht, füreinander. Und sie haben sich deshalb nicht weniger geliebt. Er hat sie deshalb nicht weniger als gleichwertig angesehen. Es kommt nur darauf an, sich bei einem Kompromiss nicht selbst zu verlieren. Kompromisse funktionieren im Arbeitsleben und in einer Beziehung nur, wenn beide gewinnen können.Wenn beide einander den Rücken stärken. Gerade heutzutage glaube ich, dass es in einer Beziehung noch viel wichtiger ist, sich gegenseitig zu respektieren. Wir sind eine Generation großer Träume und Wünsche – gerade deshalb sollten wir aneinander glauben, nicht einander als naiv abtun.

Auf der einen Seite möchten wir keine Zeit verlieren mit schlechten Dates und Männern, mit denen wir uns eine Zukunft nicht vorstellen können. Auf der anderen Seite glaube ich: Wir sind nicht beziehungsunfähig, wie wir uns einreden.
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Wir trauen uns einfach nicht mehr, uns zu verlieben.

Rückhaltlos und ehrlich. Wir möchten wissen, was die Zukunft bringt, womit wir es zu tun haben. Werden wir in fünf Jahren noch zusammen wohnen? Wird er mich jemals heiraten? Werden wir auch noch Sex haben, wenn die erste Verliebtheit mal vorbei ist? Wir suchen nach dem perfekten Partner, der unsere Wünsche und Ansprüche zu jeder Zeit erfüllen kann. Und trauen und stattdessen nicht mehr, einfach zu springen und zu sehen, was daraus werden kann, dass zwei Menschen sich mögen.


Ich finde, Diana von laviedeboite hat auch einen sehr schönen Artikel zu diesem Thema geschrieben. Das hat mich vielleicht auch zu meinem inspiriert.
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Foto: Elisabeth Tsung/Unsplash.com

Kathi Daniela

Kathi Daniela

Kathi ist Journalistin, arbeitet aber momentan im Projektmanagement und bloggt hier über ihre Auswanderer-Erlebnisse in Südafrika. Bevorzugt hält sie sich irgendwo in direkter Nähe zum Meer auf.
Kathi Daniela


2 thoughts on “Das Wort zum Sonntag — Trauen wir uns noch, uns zu verlieben?”

  • Gott, ich habe ja wahnsinnig viel verpasst!
    Aberrr jetzt bin ich ja Bilde und heidewitzka, ich freue mich WAHNSINNIG für dich! 😀 Wie toll ist das denn? Zusammenziehen ist so eine tolle, intensive Erfahrung und ich bin mir ganz sicher, dass dein Gefühl dich genau auf den richtigen Weg geleitet hat. <3 Also, sei happy und lass es dir bloß nicht von Miesepetern vermiesen 😉
    Ein ganz dicker Drücker aus dem Norden,
    Mia

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