Kapstadt-Kolumne #12 — 8 Monate Kapstadt

Kapstadt-Kolumne #12 — 8 Monate Kapstadt

Ich laufe langsam aus dem klimatisierten Büro. Es ist heiß gewesen heute, sofort spüre ich den Schweiß, der sich unter meinem Rucksack sammelt. So viel zur Dating-Atmosphäre heute Abend, mit der ich eigentlich für ein schickes Abendessen gehofft hatte. »Danke, Kapstadt«, denke ich, während ich das Parlamentsgebäude umrunde und langsam durch Company’s Gardens schlendere. Irgendwo spielt ein Straßenmusikant mit einer selbstgebauten Rassel aus Reis und einer PET-Flasche. Vor mir hüpft ein Eichhörnchen über den Weg. Der Park ist schließlich berühmt für sie. Die Innenstadt leert sich langsam, die Menschen gehen nach Hause. Schulkinder in grünen und blauen Uniformen kommen mir entgegen. Big Mamas in bunten Röcken, ihre kleinen Kinder auf den Rücken gebunden und schicke Mitzwanziger, die Dreadlocks im krassen Gegensatz zu ihrem Business Outfit. Wie fühlt es sich an, ein dreiviertel Jahr in Kapstadt? Immer noch Wunderbar!

Mein Herz klopft weniger schnell, wenn ich den Lion’s Head erklimme und den ersten Blick hinunter auf Sea Point erhasche und das Meer, das glatt da liegt wie eine blankpolierte Scheibe. Ich erstarre nicht mehr vor Ehrfurcht, wenn der Table Mountain sein weißes Tischtuch aufgelegt hat. Ich weiß dann, das ist ein Zeichen für Wind und ich packe meine warme Jacke mit ein. Ich sehe das Wahrzeichen der Stadt immer noch mit Freude an – aber vor allem, um zu wissen, wie das Wetter wird. Mir stockt nicht mehr bei jedem Sonnenuntergang der Atem. Und die Avocado-Saison ist vorbei, sodass die grüne Frucht nicht mehr jeden Tag auf den Tisch kommt.

Ich bin immer noch verliebt. Aber unsere Beziehung ist ruhiger geworden. Wir haben uns besser kennen gelernt und die Honeymoon-Phase ist vorbei.
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Camps Bay Maiden's Cove

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Ich versuche, die Schattenseiten der Stadt zu akzeptieren – und es fällt mir schwer.

Unser Nachbar, der jeden zweiten Abend vorbeikommt. Er fragt, ob er unser Auto putzen darf. Ob in der Wohnung etwas kaputt ist. Ob wir Reste vom Abendessen übrig haben. Manchmal fragt er auch nach Geld, allerdings nur selten. Er hat noch seinen Stolz.

Die Obdachlosen, die ich jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit sehe. Sie schlafen in kleinen Häusern, die sie aus Pappe gebaut haben. Direkt neben der Autobahnbrücke unter der ich jeden Abend durch fahre. Neulich habe sie tatsächlich irgendwo eine alte Matraze ergattert. Ich kann mich nicht an ihren Anblick gewöhnen, obwohl ich jeden Tag vorbeifahre. Als würde ich es als selbstverständlich ansehen, wie die anderen Pendler. Obwohl es mir nicht selbstverständlich ist.

Ich versuche zu verstehen, warum Menschen in unser Auto eingebrochen sind und warum sie mein Handy geklaut haben. Ich versuche zu verstehen, warum Menschen mich an jeder Ecke um fünf Rand anbetteln und ich versuche, auch dann freundlich zu sein, wenn ich Nein sage. Doch manchmal ist es schwer.
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Kapstadt, du machst es mir nicht leicht.

Und es gibt Tage, da vermisse ich jemandem zum Reden. Jemanden von früher. Einen alten Freund. Ich habe hier viele gute Freunde gefunden, doch das ist nicht das gleiche wie eine Mädelsrunde mit Menschen, die wissen, wie ich nach meiner Statistik-Klausur geweint habe. Oder wie ich an Silvester auf diese eine Nachricht hingefiebert habe. Und wie glücklich ich damals war, als sie kam. Mädels, die meine Haare nach zu viel Ramzotti-Apfel gehalten haben und die im Haus meiner Eltern übernachtet haben.

Mein Englisch ist fließend geworden. Und doch fehlen mit oft die richtigen Worte, die exakten Begriffe, um genau das zu sagen, was ich will. Es kann anstrengend sein. Ermüdend. Ich bin anders, wenn ich die »englische Kathi« bin. Gerade heraus, ich sage viel mehr was ich denke. Das ist auch cool. Das kenne ich von mir nicht und ich freue mich, dass ich es kann.  Kapstadt hat mich das gelehrt. Und dafür bin ich diesem dreiviertel Jahr sehr dankbar.

Und während ich hier sitze und diesen Post schreibe, realisiere ich: Es gibt nicht mehr diesen Druck, etwas erleben zu müssen. Etwas machen zu müssen. Ich bin jetzt hier. Ich sehe das Gute und das Schlechte in meinem Auswanderer-Leben. Ich bin angekommen.

Kathi Daniela

Kathi Daniela

Kathi ist Journalistin, arbeitet aber momentan im Projektmanagement und bloggt hier über ihre Auswanderer-Erlebnisse in Südafrika. Bevorzugt hält sie sich irgendwo in direkter Nähe zum Meer auf.
Kathi Daniela


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