Das Wort zum Sonntag — Warum Social Media mich manchmal ankotzt

Das Wort zum Sonntag — Warum Social Media mich manchmal ankotzt

Ich dachte immer, es würde nur irgendwelchen Influencern mit tausenden Followern passieren.

Seit einem Monat bin ich selbstständig. Und die Entscheidung dazu habe ich getroffen, weil mein Leben mir neue Rahmenbedingungen gesteckt hat – Rahmenbedingungen persönlicher und privater Natur, die nach einem neuen Lebensentwurf verlangt haben. Und einem flexiblen Job, der dazu passt.

»Aus persönlichen Gründen«, das stand in meiner Kündigung. Und meine Kollegen und mein Chef wussten auch um den wahren Hintergrund – der online nichts verloren hat. Fakt ist, dass ich in den letzten vier Wochen viele Stunden im Flixbus verbracht habe. Insgesamt genauso viel Zeit außerhalb Prags wie innerhalb Prag – und dass ich vielleicht aus diesem Grund hier nur schwer Anschluss finde, kein Tschechisch spreche und in den letzten zwei Wochen mucksmäuschenstill war, weil mir die vorgeschriebenen Texte ausgegangen sind.

 

Ich dachte immer, es würde nur irgendwelchen Influencern mit tausenden Followern passieren.

Doch vor zwei Wochen erreichte mich dann von einem alten Kollegen eine ziemlich gemeine Nachricht zu meinem Privatleben, das ja auf Social Media gar nicht so aussehen würde, wie ich es beschrieben habe. Eine Nachricht, die mich ehrlich gesagt getroffen hat.

Denn natürlich veröffentliche ich weiterhin vorgeschriebene Texte aus Prag für euch. Natürlich poste ich auf Instgram weiterhin die Fotos, die mir gefallen und von denen ich an einem schönen Sommertag schon mal gut und gerne 10-20 schieße. Natürlich schreibe ich hin und wieder einen persönlichen Text – wenn ich das verarbeitet habe, was geschehen ist.

Und solange ist mein Blog, ist Social Media eine Plattform, eine Kunstform die mich entspannt, mir Spaß macht und mit der ich Geld verdiene! Mein Aushängeschild, meine Visitenkarte. Niemand würde in seine Email-Signatur auf der Arbeit schließlich schreiben: Kathrin Knorr-  freiberufliche Journalistin (der es gerade beschissen geht)

Ja, ich hatte einen harten Juni. Aber vielleicht hat es mir gut getan, irgendwo auch Normalität zu haben. Es hat gut getan, einen Tag in Český Krumlov zu verbringen und zur Eröffnung der Knödelmanufaktur nach Wien zu fahren. Und es hat gut getan, online diese Normalität und diese Abenteuer zu teilen.

Es ist  so leicht, von Social Media auf das echte Leben eines Menschen zu schließen. Unsere Profile sehen aus, als hätte jeder von uns 24/7 eine geile Zeit. Doch das hier ist nicht das wahre Leben. Das ist das Internet und ich möchte euch Geschichten und Erlebnisse präsentieren. Ich werde kaum das Innere eines Flixbus instagrammen. Oder mein müdes Gesicht. Oder meinen desaströsen Kontostand. Oder eine Arztpraxis von Innen. Weil es darum auf Kathi Daniela nicht geht und weil ich nicht 24/7 daran erinnert werden möchte.
.

Ich dachte immer, es würde nur irgendwelchen Influencern mit tausenden Followern passieren.

Doch anscheinend ist es inzwischen gesellschaftlich völlig legitim auch bei Privatpersonen von Instagram und Facebook auf deren Gemütszustand und Privtaleben zu schließen. Anscheinend verschwimmt für manche Leute die Grenze zwischen Show und echtem Leben immer mehr. Doch wir sind nicht bei Big Brother, wir entscheiden immer noch selbst, was wir teilen und welches Bild wir von uns präsentieren.

Und keiner von uns sollte dafür verurteilt werden – denn wenn mein Leben online anders erscheint als in der Realität, dann ist das keine Seltenheit. Und mein gutes Recht – es ist schließlich mein Leben! Und wer fragen hat, der soll fragen!

.

Ist euch so etwas auch schon mal passiert?

Kathi Daniela

Kathi Daniela

Kathi ist Freelance Journalistin und Content Writerin, Travel Bloggerin. Sie hat ein Jahr als Expat in Südafrika gelebt - inzwischen wohnt sie in Prag und Nürnberg
Kathi Daniela


5 thoughts on “Das Wort zum Sonntag — Warum Social Media mich manchmal ankotzt”

  • Liebe Kathi,

    ja, genau das ist mir auch schon passiert, und zwar mit jemandem, den ich lange für eine meiner besten Freundinnen gehalten habe. Bei mir war letztes Jahr der Sommer ziemlich übel, von Problemen an der Uni über Probleme bei der Arbeit und Probleme und Veränderungen im Privatleben. Alles ist mir damals über den Kopf gewachsen und ich habe mich mehr und mehr zurückgezogen. Wenn ich dann mal einen schönen Abend mit lieben Menschen verbracht oder einen tollen Ausflug gemacht habe, habe ich versucht, diese Momente einzufangen, mal mit einem Foto, mal mit einem Zitat etc., und das natürlich auch mal auf FB gepostet, in der Hoffnung, dass diese Momentaufnahmen mich in den dunklen Momenten wieder ein bisschen aufheitern.

    Die sogenannte Freundin hat mir einen ähnlichen Spruch gedrückt, wie dein Kollege, und das obwohl ich ihr meine Situation mehr als einmal in einem etwas privateren Rahmen erklärt habe. . Und das Ende vom Lied? Sie hat mir als Weihnachtsgeschenk dann einen Roman drüber geschrieben, wie egoistisch ich wohl wäre und blablabla und hat mir die Freundschaft gekündigt.

    Soll ich dir was sagen? Es hat weh getan, ich habe an mir gezweifelt, aber heute geht es mir besser, und bin froh, dass sich in der Zeit automatisch die Spreu vom Weizen getrennt hat in Sachen Freundschaften, so dass ich mir heute sicher bin, meine Zeit mit den richtigen Menschen zu verbringen.

    Lass Dich nicht verunsichern oder unterkriegen, jeder hat Zeiten im Leben, in denen man einfach nur noch funktioniert, oder manchmal eben noch nicht mal mehr funktioniert. Nimm Dir Zeit und setze dich nicht zu doll unter Druck – ich weis zwar natürlich nicht, was bei dir gerade los ist, aber meistens kommen nach den dunklen Zeiten dafür ganz viele Sonnentage.

    Ich drücke Dir die Daumen.

    Liebe Grüsse aus Zürich,
    Manu

    • Hallo Manu,
      erst mal vielen Lieben dank für deinen tollen, ausführlichen Kommentar!
      Das ist natürlich richtig mies, was du da von deiner Freundin schreibst – das tut mir Leid. Aber wie du schon sagst: In solchen Momenten ist es manchmal gar nicht übel, wenn sich die Spreu vom Weizen trennt und man erkennt, wer die richtigen Freunde sind.
      Und ich finde immer noch, dass es sowas wie Selbsttherapie ist, die schönen Momente trotzdem zu teilen und sich daran zu erinnern, dass es auch in schlechten Zeiten noch gute Dinge und Tage gibt, die das Leben aufheitern 🙂
      Ich hoffe, es geht dir inzwischen wieder gut – ich habe auch ein stabiles Auffangnetz an Freunden, es geht mir schon wieder besser 🙂
      Liebe Grüße zurück in die Schweiz,
      Kathi

  • Auch wenn ich spät dran bin, ich muss da noch was zu schreiben.
    Jeder Lebensumstand hat irgendwo seine Schattenseiten. Ich könnte seit Monaten nen ganzen Blog mit Nörgeleien füllen, weil grad alles schief geht. Auch die riesen Influenzer mit massiver Folgschaft haben irgendwo ihre Zeit in der es nicht läuft und Uschi von der Kasse beim Discounter hat auch ihre Downtime. Aber die geht vorbei, denn das tut sie immer. Mal schneller und mal weniger schnell. Man muss es aber nicht online breit treten. Denn schlimmer als „alten“ oder vorgeschriebenen Content zu veröffentlichen (als ob das schlimm wär), sind Nörgeleien und im Selbstmitleid zu versinken (Gott wie es diese Emo-Scheiße bei FB hasse.) 😉

    Mach dir keinen Kopf und entfreunde diesen Kollegen!

    <3

    PS: 99% von meinem privaten Umfeld habe ich auf Instagram gesperrt. Hilft auch 😀

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen