Kapstadt-Kolumne #2 — Ich wandere heute aus. Und du so?

by Kathi Daniela

Ich mag das Wort »Auswandern« nicht. Das klingt so nach VOX und Goodbye Deutschland. Auf dem Einwohnermeldeamt, wo ich mich in Deutschland abmelden musste, nennen sie’s »Wegzug ins Ausland«. Das gefällt mir irgendwie besser.

Am Flughafen sind mir solche Begrifflichkeiten dann aber echt piepegal. Dieses ganze Wegziehen hat was von einem Fallschirmsprung – auf 4.000 Metern Höhe, neben der offenen Flugzeugtür, kommt einem plötzlich der Gedanken, ob das wirklich sein muss. Wie so ein Abschied dann aussieht, kann sich denk ich jeder vorstellen. Nach dem Verbrauch von einem halben Päckchen Tempo verschwinden also meine insgesamt fast 40 Kilo Gepäck und ich im Bauch des Flughafens.

»Wo geht’s hin?«, fragt mein Sitznachbar Volkan auf dem Flug nach Istanbul. »Nach Kapstadt.« »Und für wie lange?« »Ähm…«, ich zucke die Schultern und er ist beeindruckt: »Krass, also wanderst du heute quasi aus!« Ich muss lachen. »Ja, ich wandere heute aus. Und du so?« Wie er das so sagt, klingt es eigentlich total easy. Mal eben Auswandern. Und eigentlich, sind wir mal ehrlich, ist es das auch: Packen ist easy, denn es muss sowieso alles mit und was nicht reinpasst, muss eben da bleiben. Und dann? Flughafen, Check-In, Passkontrolle, Fensterplatz. Been there, done that.

Unspektakulär as f*ck!

Hatte ich zumindest gehofft. Und dann, 45 Minuten nach Start die panische Durchsage, die ich bisher nur aus dem Fernsehen kenne: »Ist hier ein Arzt an Bord?« Ein medizinischer Notfall. Ich glaube, mich verhört zu haben, aber meine Mitreisenden, die neugierig die Köpfe recken und hektisch hin und her rennende Flugbegleiter zeigen, dass meine Ohren durchaus richtig gehört haben. Wir notlanden in Wien. Mein Puffer, um am Atatürk-Flughafen umzusteigen schmilzt von zweineinhalb Stunden auf 15 Minuten. Ich sehe mich schon in Istanbul stranden – aus ganz anderen Gründen als ich zuerst befürchtet hatte, denn der Putschversuch ist erst eine Woche her. Wir heben wieder ab. Klar bin ich froh, dass der Mann am Leben ist, Himmel!

Aber musste er den Herzinfarkt unbedingt auf diesem Flug kriegen?

Wir machen auf dem Flug fünf Minuten gut. Kaum sind wir gelandet, quetsche ich mich wie einer dieser unglaublich nervigen Passagiere direkt nach vorne an die Tür durch und sprinte mit meinen 10 Kilo Handgepäck und zwei Taschen los. Sehe jemanden vom Ground Staff und hechle: »Flight to Cape Town, please?« Er deutet in eine Richtung. »Hurry up, you can still make it!« Ich renne, als ginge es um mein Leben. Schiebe mich durch Menschenmassen. »Sorry. Sorry.« Die Tasche schlägt gegen meine Beine. Ich keuche. Im Film sieht das immer irgendwie besser aus. Und dann ist es da: Gate 303. Last Call. Ich stürze zum Schalter, zerre mein Ticket aus der Tasche. Sprechen kann ich nicht mehr. Und dann bin ich drin!

»Will my luggage make it?«, frage ich die Flugbegleiterin noch. Ich sage ihr, mit welchem Flug ich gekommen bin und ich sehe, dass sie mich am liebsten auslachen würde, aber zu professionell dafür ist. »No, most likely not«, sagt sie. Eigentlich wäre es jetzt Zeit für einen kleinen hysterischen Anfall, denn mein ganzes Leben ist in dieser großen, schwarzen Reisetasche, die irgendwo in Istanbul am Flughafen geblieben ist. Erinnerungen, persönliche Dokumente, Bücher, Shampoo, Duschgel, Kleidung zum Wechseln. Doch ich bin zu müde dafür.

Zur Belohnung für den ganzen Stress fliege ich nicht nur mit einem äußerst ansehnlichen Rugby-Team aus Dublin, sondern der Sitz neben mir bleibt tatsächlich leer! Ich strecke mich aus und bin schon eingeschlafen, bevor es Abendessen gibt. Ich bin heute ausgewandert. Und du so?

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9 comments

Mia August 14, 2016 - 11:58 am

Wow, das klingt aber wirklich abenteuerlich! In dem Moment unglaublich stressig, aber hinterher kannst du drüber lachen. Und eine gute Geschichte über deinen Wegzug ins Ausland hast du jetzt schon mal in Petto 😉 Ich bin gespannt, wie es weitergeht :*
Liebste Grüße, Mia

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Kathi August 14, 2016 - 2:42 pm

Haha ja, zum Glück haben meine Freunde mich vor Ort dann erstmal mit Klamotten versorgt, denn mein Koffer hat’s natürlich in den 15 Minuten nicht mehr on Board geschafft. Aber inzwischen lache ich drüber ??

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Kristina August 14, 2016 - 12:04 pm

Wooow, erstmal ein toll geschriebener Text – echt mutig! Auswandern klingt tatsächlich nach einer sehr großen Sache. Ist es ja letztendlich auch. 🙂 Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Spaß und Erfolg bei dem, was du tust!

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Kathi August 14, 2016 - 2:43 pm

Dankeschön☺

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MuhKuhAddict August 14, 2016 - 2:25 pm

Ich war ja schon immer der Meinung, wenn man die Möglichkeit dazu hat, auf sein Herz zu hören, dann sollte man tun. Für mich bedeutet das Glück und Freiheit.
Dennoch bewunder ich dich für diesen großen Schritt und den Mut. 🙂
Ich wünsch Dir eine unglaublich tolle Zeit und Erfahrung!

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Kathi August 14, 2016 - 2:44 pm

Danke 🙂 und ich freu mich dass fu dich für mich freust hihi ?

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Monique August 15, 2016 - 12:21 pm

„Im Film sieht das immer irgendwie besser aus.“ 😀
Sicherlich war dieser Moment für dich kein Spaß, aber bei diesem Satz muss ich einfach lachen:)
Guten Start ins Abenteuer;)

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Kathi August 18, 2016 - 9:16 am

Danke, Monique 🙂
Ja, in dem Moment war’s nicht witzig – aber inzwischen kann ich auch selbst drüber lachen 😀

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[ANZEIGE] Richtig Koffer packen: Meine liebsten Tipps und Tricks - Kathi Daniela November 30, 2017 - 10:51 am

[…] Jahr auf dem Weg nach Kapstadt ging mein Koffer verloren. Das war vor allem deshalb super nervig, weil ich zwar in Kapstadt […]

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