Kapstadt-Kolumne #4 — Vom Ankommen

Kapstadt-Kolumne #4 — Vom Ankommen

Wir sitzen auf dem Balkon, ein Glas Wein in der einen und eine Zigarette in der anderen Hand. Der Himmel ist klar und obwohl wir mitten in der Stadt sind, kann ich unglaublich viele Sterne sehen. Sie blinken um die Wette mit den Taschenlampen der Menschen, die zum Sonnenuntergang auf den Lion’s Head gewandert sind. Wie eine fluoreszierende Schlange winden sich die Lichter den Berg hinunter. »Das will ich auch mal machen …«, denke ich und im nächsten Augenblick ist der Gedanke schon wieder fort. Wir haben noch Zeit.

So wie dieser 5. Oktober, mein 2-monatiges in Kapstadt, fühlt sich jeder Tag an.

Ein wenig wie Urlaub, ein wenig wie ein Winterschlaf voller wirrer Träume. Denn an keinem Abend gehe ich zu Bett, ohne dass tagsüber irgendetwas Überraschendes passiert wäre. Kapstadt ist ein ewiger Vergnügungspark, ein ewiger Zirkus, in dem ich mich noch nicht ganz zu Recht finde. Wenn ich nach Hause komme, bin ich satt von gutem Essen, vom Wein, von der Sonne, vom verrückten Stadtverkehr und von den Bettlern auf den Straßen. 

Ich bin erschöpft und gleichzeitig so lebendig und wach wie nie. Deutschland scheint so weit weg zu sein. Kontakt zu halten ist schwierig und ich fühle mich schlecht. So viele Freunde, bei denen ich mich kaum gemeldet habe. So viele Skype-Dates und Telefonate die ich wegen spontaner Events abgesagt habe. #FOMO ist das Ding in Kapstadt. Keiner will was verpassen. Doch was verpasse ich in Deutschland?

 
 

Nach zwei bis drei Monaten kommt das Heimweh
...sagt man

Doch während ich hier sitze, und den Lion’s Head beobachte und mein Weinglas nachdenklich zwischen den Fingern drehe, scheinen die Tränen von heute Morgen weit weg zu sein. Denn auch dass macht die Mother City mit jedem, der ihrem Charme erlegen ist: Sie lässt mit ihrer Schönheit und ihrem Vibe keine Zeit für Tränen  – zumindest für diejenigen, die es sich leisten können, sich abzulenken und die es schaffen, ihre Geschwindigkeit zu halten. Denn Kapstadt ist eine wirre Kombination aus südafrikanischer Langsamkeit und dem rasenden Leben einer Großstadt die niemals schläft und in der es immer etwas zu verpassen gibt.

Und während ich hier sitze und den lauen Abendwind spüre, die Sterne über mir ganz anders als in der nördlichen Hemisphäre. Und während die Tränen, die ich heute Morgen aus Sehnsucht nach Nürnberg geweint habe, noch kaum getrocknet sind.

Währenddessen wird mir klar, dass das nun wirklich mein Leben ist – und dass ich dem Ankommen langsam näher komme.



6 thoughts on “Kapstadt-Kolumne #4 — Vom Ankommen”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Diese Webseite nutzt Cookies, die eine anonymisierte Analyse der Zugriffe auf die Webseite ermöglichen. Mit deiner Zustimmung sind für dich keine Nachteile verbunden – du hilfst mir allerdings sehr dabei, diese Webseite rechtssicher und in dieser Form weiterführen zu können. Solltest du mit Cookies nichts zu tun haben wollen (aber wer will das schon), findest du in der Datenschutzerklärung eine Möglichkeit zum Opt-Out. Zur Datenschutzerklärung

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen