Sechs wichtige Fragen, die du dir vor dem Auswandern stellen solltest (Teil 2)

Sechs wichtige Fragen, die du dir vor dem Auswandern stellen solltest (Teil 2)

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Vor fast zwei Jahren – bevor ich meine Koffer gepackt habe und nach Kapstadt gegangen bin – habe ich schon einmal einen Post mit sechs wichtigen Fragen verfasst, die du dir vor dem Auswandern auf jeden Fall ehrlich stellen solltest. Das war, bevor ich überhaupt selbst den Schritt gewagt hatte. Es war einfach eine Sammlung von Dingen, dir mir selber besonders wichtig vorkamen, von denen mit andere Expats erzählt hatten oder die ich während meines Dreivierteljahres in Dänemark am eigenen Leib erlebt hatte.

Jetzt lebe ich fast 24 Monate schon nicht mehr in Deutschland. Und ein paar der Dinge, die ich damals für so wichtig gehalten haben, sind es vielleicht gar nicht so sehr. Ein paar Dinge hingehen, habe ich festgestellt, können eine Auswanderung wirklich auf Dauer scheitern lassen – denn Urlaub an einem Ort zu machen und an einem Ort zu leben, das sind zwei sehr unterschiedliche Dinge!

Hier also noch einmal mehr im Detail:

 

Sechs wichtige Fragen, die du dir vor dem Auswandern stellen solltest!

 

1. Sprichst du die Sprache?

Ich habe die Sprache nie für einen unwichtigen Faktor gehalten – aber auch nicht für eine Priorität. Oh, da bin ich schon ein wenig falsch gelegen, denn in Dänemark und auch in Südafrika hatte ich einfach den Luxus, das Englisch einfach von so gut wie jedem gesprochen wurde. Dann zog ich nach Prag – und konnte mich nicht mehr verständigen. Und auch, wenn ich durchaus bereit war, Tschechisch ein bisschen zu lernen, stellte sich das als ganz schöne Herausforderung heraus. Denn slawische Sprachen sind ganz anders, als alles, was sich bisher gelernt habe und wirklich nicht einfach zu erlernen.

Und dann wäre da noch mein bosnischer Mann, seine Freunde und seine Familie, die ich so und so oft einfach nicht verstehen kann. Es ist anstrengend, Gesprächen nicht folgen zu können, es ist manchmal frustrierend, macht einen traurig und man fühlt sich ausgeschlossen. Und nicht nur im privaten Bereich, sondern auch im Alltag. Einkaufen gehen, zum Friseur gehen oder einfach um Rat zu fragen – all das wird zu einer echten Challenge. Besonders in Ländern, in denen Englisch eben nicht Landessprache ist. Ich habe das wirklich unterschätzt und ich kann jedem nur raten: Lern die Sprache deiner neuen Heimat – sonst wird es viel länger dauern, bis sie zu einem Zuhause wird.


2. Kommst du mit der Kultur zurecht?

Das ist eine ziemlich individuelle und persönliche Frage, die du für dich aber unbedingt ehrlich beantworten solltest! Denn Kultur, das ist wesentlich vielschichtiger, als man auf den ersten Blick glauben möchte. Kultur, das ist Mentalität, das ist Politik, das sind soziale und gesellschaftliche Anschauungen und Vorlieben, das ist das Essen und so viele mehr!

Die Tschechen beispielsweise lieben einfache Kneipen in denen es ein paar Snacks und ein paar verschiedene Biersorten gibt. Nackte Tische, kaum Deko, keine Musik, Kellerpubs. Ich hab es gerne so wie in Kapstadt – ein bisschen exzentrisch, am liebsten mit einer großen Terrasse oder viel natürlichem Sonnenlicht. Das klingt nach einer Lappallie – aber wenn du jedes Wochenende in einem Pub sitzt, der dich deprimiert… dann bist du irgendwann frustriert, logisch, oder?

Ich bin kein super gläubiger Mensch und liebe die Weihnachtszeit. Dass meine Schwiegermutter den Weihnachtsbaum stattdessen für Silvester dekoriert hat fand ich super süß. Ob ich jedoch in ein Land ziehen könnte, in dem Weihnachten überhaupt nicht gefeiert wird? Das weiß ich nicht!

Und auch das Essen ist ein viel wichtigerer Faktor, als man erstmal denken würde. Klar, deutsches Brot vermisse ich wie verrückt, wo auch immer ich bin. Doch es gibt einfach Nationen die mögen es süß, Nationen die mögen viel Gemüse oder echte Fleischliebhaber – Länder in denen es Vegetarier zum Beispiel wirklich schwer haben würden. Ständig auf der Jagd nach Essen zu sein, das nach deinem Geschmack ist, das macht auf Dauer wirklich keinen Spaß.

Um nicht zu viel in die Tiefe zu gehen, denn ich glaube ihr versteht schon, worauf ich anspiele, möchte ich auf Politik nur kurz eingehen. In Tschechien ist Drogenbesitz und -konsum nicht illegal. Sogar Heroin zum Eigengebrauch darf man besitzen – Kokain und Marihuana sowieso. Wenn du dich mit so einer Gesetzgebung nicht anfreunden kannst, wird das Leben nicht so einfach für dich werden. Und wie ist das mit dem Mitspracherecht? Manche Länder, wie Südafrika, haben eine schmerzhafte politische Vergangenheit. Als Ausländer hier eine politische Position zu beziehen oder sich sogar politisch zu engagieren ist schwierig und wird von manchen Einheimischen auch einfach belächelt. Sei dir bewusst, dass du auch manche Rechte – zum Beispiel das Recht zu wählen – in der neuen Heimat nicht haben wirst.

 


3. Kommst du mit dem Wetter zurecht?

Ich habe eine Freundin, die hat mal für zwei Jahre in Irland gelebt. Sie liebte das Land, sie liebte die Leute und ihren Job – aber sie hasste das Wetter. Und irgendwann, da hat sie den Dauerregen nicht mehr ausgehalten und ist zurück nach Deutschland gekommen, wo es wenigstens ein bisschen besser ist.

Als ich aus Südafrika zurück nach Europa gekommen bin, da kam mir alles grau vor. Ich war apathisch und lethargisch an manchen Tagen. Mein konstant hoher Vitamin-D-Level fiel auf einmal in die Tiefe und es gab Tage, an denen wusste ich einfach überhaupt nichts mit mir anzufangen. Sonne ist mein Benzin und das habe ich zum Beispiel in Kapstadt immer wieder krass gemerkt.

Längere Winter, kürzere Tage, kältere Temperaturen und die Verschiebung von einem Leben draußen nach einem Leben drinnen, das sind echte Herausforderungen, die du nicht unterschätzen solltest! Die Gefahr von Depressionen ist echt und vielleicht musst du wegen des Wetters sogar ein paar Dinge aufgeben, die dir wirklich viel bedeutet haben. Kannst du damit klar kommen.


4. Hast du einen Job?

Das habe ich schon in meinem alten Artikel geschrieben und bleibe dabei: Wandere nicht ohne Job aus! Einen Job vor Ort zu suchen und zu finden ist nervenaufreibend, stressig und ohne dein Auffangnetz aus Freunden und Familie wirklich kein Spaß!

Ganz davon abgesehen, dass viele Dinge wie ein Visum, eine Wohnung oder ein Bankkonto von einem unterschriebenen Arbeitsvertrag abhängen können. In manchen Ländern können auch nur Arbeitnehmer eine Krankenversicherung abschließen.

On the lucky side: Unsere Welt ist so international geworden, dass viele Unternehmen aktiv nach Arbeitnehmern aus dem Ausland suchen. Das heißt, oft bekommst du Unterstützung bei der Bewerbung um ein Visum, bei der Wohnungssuche oder der Krankenversicherung. Und viele Unternehmen sind bereit, Skype-Interviews durchzuführen.

Und selbst wenn der erste Job nichts wird (so war es bei mir in Südafrika), ist es viel leichter, sich dann tatsächlich vor Ort nach einem neuen Job umzusehen und dann erst zu kündigen – ganz ohne Sorge, ob das Ersparte reicht.


5. Bist du mit deiner finanziellen Situation zufrieden?

Und zwar nicht der jetzigen, sondern der, die auf dich zukommt. Auch das habe ich schon einmal geschrieben und finde das immer noch total wichtig: Schau, was du im neuen Job verdienst und mach dir einen Budgetplan. Webseiten wie Expatistan sind zum Beispiel eine Superhilfe, um Lebenshaltungskosten in unterschiedlichen Städten und Ländern zu vergleichen.

Denn eines steht fest: In den Ländern auf der (sprichwörtlichen) Sonnenseite der Welt, ist das Gehalt oft nicht so rosig wie in westeuropäischen Staaten. Und auch, wenn Sonne und Dolce Vita sehr viel zum Lebensstandard beitragen – manchmal sogar mehr, als ein 50er mehr auf dem Konto – so solltest du dir doch bewusst sein, dass du in deiner neuen Heimat ein ganz normales Leben führen willst. Kein Studentenleben. Kein Leben, das langsam deine Ersparnisse auffrisst. Sondern ein ganz normales Leben, in dem du dir vielleicht irgendwann sogar mal ein Auto kaufst, ein Haus oder einen Hund.

Für einen dauerhaften Aufenthalt sind die Finanzen also definitiv nicht zu unterschätzen und ein dauerhaft zu niedriges Gehalt kann ein guter Grund sein, wieder zurückzukehren. Denn ständig am Existenzminimum zu nagen oder jeden Cent dreimal umzudrehen, das macht wirklich keinen Spaß und ist auf Dauer jedes noch so tolle Erlebnis nicht wert.

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Cape Town Family

6. Erkundest du neue Ufer, ohne alle Brücken abzubrechen?

Deine Freunde und Familie Zuhause sind eine nicht zu unterschätzende Stütze, auch aus der Ferne! Glücklicherweise machen Skype, WhatsApp und Facebook das Kontakt halten inzwischen wirklich sehr viel leichter. Achte darauf, auch mit den Menschen, die dir wirklich etwas bedeuten Kontakt zu halten. Mit allen wird es nicht gehen – aber du wirst selbst sehr schnell merken, wer die Zeit und den Aufwand wert ist!

Gleichzeitig ist es aber genauso wichtig, neue Kontakte zu knüpfen. Small Talk und Expat-Meet-Ups sind peinliche Veranstaltungen und manchmal wirst du nach Hause gehen, ohne auch nur mit einem einzigen Menschen geklickt zu haben. Das kann ziemlich anstrengend sein und auch manchmal frustrieren. Aber gib dir Zeit und gib nicht auf. Denn irgendwann wirst du einen oder auch gleich mehrere Menschen finden, mit denen du dich super verstehst und die auch deine neue Heimat zu einem Zuhause machen.

 

Und vergiss nicht: Es gibt immer harte Momente. In denen du Heimweh hast, in denen du deine Entscheidung in Frage stellst oder in denen du nicht weißt, wie es weitergehen soll. Dann hilft nur eines: Ein Drink mit einem guten Freund und eine Ja-Sager-Mentalität. Gib nicht auf, denn heimisch zu werden ist ein langer Prozess. Aber auch ein wunderschöner, der dir viel über dich und die Menschen um dich rum beibringen wird. Egal ob es drei Wochen, drei Monate oder ein Jahr dauert, am Ende dieses Prozesses steht eins: Deine neue Heimat!

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Kathi Daniela

Kathi Daniela

Kathi ist freie Redakteurin und Travel-Bloggerin. Sie hat insgesamt eineinhalb Jahre in Südafrika und ein Jahr in der Tschechischen Republik gelebt. Am liebsten hält sie sich irgendwo in der Nähe vom Meer auf
Kathi Daniela

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