Warum wir jetzt nicht mehr unpolitisch sein können

Warum wir jetzt nicht mehr unpolitisch sein können

»Wer gerade dabei ist, zu ertrinken, der ist weder Flüchtling noch Migrant, der ist weder Afrikaner noch Europäer, weder Muslim noch Christ, der ist ein Mensch, der gerade dabei ist, zu ertrinken, und man muss alles unternehmen, um ihn zu retten.«

Auszug aus Der Untergang von Wolfgang Luef

Diese Kolumne aus der Süddeutschen Zeitung fand ich zuletzt ganz, ganz schlimm. Mich erschreckt diese Entwicklung, die Deutschland und Europa gerade durchmachen. 

Ich hatte immer das Gefühl, in einer ziemlich toleranten Welt aufzuwachsen. Meine Oma, die schimpfte vielleicht manchmal über die Türken und da waren dann auch jeden Sommer die Polen bei uns im Dorf, die laut Musik hörten und nachts Party machten und denen man nicht so recht über den Weg traute.

Das war natürlich Rassismus, aber das kam mir als Jugendliche irgendwie nicht ganz so ernst vor. Ist ja nur dummes Gerade, aber glücklicherweise hat in meinem Umfeld niemand wirklich etwas gegen all diese Ausländer.

Und dann kam 2015 und die erste Welle Flüchtlinge erreichte Deutschland. Ich meldete mich bei einer christlichen Organisation, betreute einen jesidischen Flüchtling im Kirchenasyl. Wir spielten Kicker, Mensch-ärgere-dich-nicht, Ballspiele und versuchten, miteinander und voneinander zu lernen. 

Manchmal standen wir draußen, rauchten eine, es regnete viel diesen Herbst und kleien Rinnsale liefen vom Kirchendach und tropften manchmal in den Nacken. Sein Blick ging dann ganz weit in die Ferne und ich hatte mir so gewünscht, dass er mir erzählen könne, was ihn bedrückte.

Irgendwann wurde dann sein Asylantrag gewährt, von einen Tag auf den anderen schickten sie ihn in eine Asylunterkunft. Ich hatte nichtmal Zeit, Handynummern auszutauschen, dann war er schon weg. 

Und dann hört ich immer öfter die Sprüche: »Ich bin ja kein Rassist aber… die wollen sich doch niemals integrieren.«

Und ich merke: Vielleicht war meine Umgebung selbst während meiner Kindheit und meiner Jugend überhaupt niemals so tolerant, wie ich mir das gedacht hatte.

Ich schäme mich nämlich jetzt für so vieles in meiner Umgebung. Ich schäme mich erst einmal für unsere Politiker. Ich schäme mich dafür, dass sie dulden, dass die AfD Strafanzeigen gegen Hilfsorganisationen stellt und ich schäme mich dafür, dass sie diejenigen, die es tatsächlich übers Mittelmeer schaffen, als Touristen bezeichnen.

Bitte? Wer versteht denn unter einem Trip über das Mittelmeer in einem Schlauchboot mit hundert anderen Menschen einen entspannten Urlaub, eine Kreuzfahrt im Süden. Das kann doch nicht euer Ernst sein, CSU!

Ich schäme mich dafür, dass ich in dieser Europäischen Union lebe, die nur darüber streitet, wo jetzt gefälligst all diese Leute hin sollen, die keiner haben will. Als würden wir nicht über Menschen sprechen, sondern über Atommüll, der einfach irgendwo abgestellt werden muss.

Und dabei sind wir an der jetzigen Situation ungefähr genauso viel mitschuld wie am Atommüll. Schließlich tragen wir in der westlichen Welt mit unserem Konsum und unserer Einstellung munter an der Armut und der schrecklichen Lage in den Ländern bei, aus denen nun Menschen zu uns kommen.

Ich bin nicht mehr stolz, Teil dieser EU zu sein, die ich in so vielen Situationen in den letzten Monaten und Jahren verteidigt habe. Deren Vorteile ich aufgezeigt habe, wenn so viele gesagt haben, dieses Staatenkonstrukt ist doch Blödsinn.

» Der kleine Stolz, den man noch vor Kurzem empfinden konnte, ein Europäer zu sein, er ist zusammen mit Tausenden Männern, Frauen und Kindern im Mittelmeer ertrunken. Während wir alle im Fernsehen, auf Twitter und Facebook nahezu live dabei zusehen können.«

Auszug aus Der Untergang von Wolfgang Luef

Und dann stelle ich mir meine Schwiegermutter vor und meinen Schwiegervater. Und meinen Mann. Und ich stelle mir vor, dass ihnen vor 25 Jahren niemand erlaubt, nach Deutschland einzureisen. Dass sie zurück müssen nach Sarajevo – in eine Stadt, in der Bomben fallen und in der Zivilisten einfach so von Scharfschützen erschossen werden – weil sie gerade zur falschen Zeit am falschen Ort sind.

Es packt mich das kalte Grauen, wenn ich daran nur denke. Ich weiß nicht, wie Krieg sich anfühlt, aber ich habe die Einschlaglöcher gesehen, die in Sarajevo immer noch die Hauswände verschandeln und ich habe gesehen, dass sich dieses Land noch lange nicht vom Krieg erholt hat und es vielleicht nie wird.

Und ich frage mich, ob vielleicht jeder Mal in ein Land fahren sollte, in dem es vor kurzer Zeit noch Krieg gab. Um nur ein kleines bisschen von dem Grauen zu sehen. Und sich nur ein kleines bisschen vorstellen zu können, wie es sich wohl angefühlt haben muss, als Granaten die Löcher in die Wände des Hauses schlugen, vor dem man gerade steht.

Aber das Schlimme ist: Es interessiert nicht. 

Und wie Wolfgang Luef in seinem Artikel gesagt hat, ist diese Gleichgültigkeit der erste Schritt in die Barbarei. Und den zweiten und den dritten Schritt, den will man sich – da hat er ganz recht – am liebsten nicht vorstellen. 

Müssen wir aber vielleicht… und genau deswegen schreibe ich diesen Artikel. Weil ich finde, dass wir jetzt nicht mehr unpolitisch sein können. 

Foto: pixpoetry on Unsplash



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