Städtereise nach Kiev – Vier Tage in der ukrainischen Hauptadt

by Kathi Daniela

Erinnert ihr euch noch an meine Freundin Carilyn, mit der ich oft an weniger bekannte oder beliebte Orte reise? Nachdem wir mit Belgrad schon eine Reisetradition in Osteuropa gestartet hatten, war es nur logisch, dass unsere nächste Reise uns noch weiter in den Osten führen sollte. Und als sie mich fragte: „Hast du Lust, mich auf eine Konferenz nach Kiev zu begleiten?“ war für mich gleich klar, dass Nein keine Antwortmöglichkeit ist.

Spätestens seit 2014 ist die Ukraine in den Nachrichten nicht mehr unbedingt gut weggekommen. Auch jetzt wird vom Auswärtigen Amt noch immer von der Reise in Grenzgebiete und ganz besonders die Krim abgeraten. Ob man von den Geschehnissen der letzten Jahre in Kiev etwas mitbekommt? Nein, gar nicht! Allerdings habe ich mich in den vier Tagen vor Ort auch nicht mit den Geschehnissen auseinandergesetzt – was vor allem an der Sprachbarriere lag, aber auch daran, dass die Ukrainer, die Englisch sprachen, uns so herzlich begrüßten und ganz offensichtlich so erfreut über Touristen im Land waren, dass wir die Stimmung nicht trüben wollten. 

anreise

Die Anreise von München aus ist einfach. Ukrainian Airlines fliegt die Route regelmäßig. Der Anbieter ist allerdings  eine typische Low-Cost-Airline, etwas Besonderes erwarten dürft ihr also nicht. Ich habe den Flug nur etwa acht Wochen vor der Reise gebucht und habe 120 EUR return bezahlt. Von München aus sind es etwas mehr als zwei Stunden Flugzeit, Kiev ist dann eine Stunde Voraus.

Der Flughafen ist etwas außerhalb der Stadt, die beste Möglichkeit ins Zentrum zu kommen ist sicherlich Uber.

Visum

Deutsche Staatsangehörige benötigen für einen Aufenthalt von weniger als 90 Tagen kein Visum (Stand: 04.03.2020). Einreisen könnt ihr nur mit einem gültigen Reisepass, mit einem Personalausweis ist die Einreise nicht möglich.

some facts first

  1. Die ukrainische Hauptstadt ist mit fast drei Millionen Einwohnern auch die größte Stadt der Ukraine
  2. Der ehemalige Profi-Boxer Vitali Klitschko ist Bürgermeister der Stadt
  3. Neben Ukrainisch wird in Kiev auch oft Russisch gesprochen. Sprachwissenschaftlich ist Ukrainisch übrigens näher mit dem Polnischen und Slowakischen verwandt, als mit dem Russischen. Es werden die kyrillischen Schriftzeichen benutzt
  4. Es heißt, dass die Tradition, Ostereier zu bemalen, ursprünglich aus der Ukraine stammt
  5. Im November 2013 begann in der Ukraine die sogenannte „Revolution der Würde“ gegen Regierung und Präsident.  Im Februar 2014  kam es dann zum Beginn des Ukrainekriegs, der jedoch erst einmal nicht mit der Revolution zusammenhing

Kiev begrüßt uns mit Regen. Die ganze Stadt schwimmt in einer grauen Suppe, die fahlen Lichter der Straßenbeleuchtung und der Häuser spiegeln sich in Pfützen auf den Straßen. Es ist ohnehin dunkel, aber im Regen wirkt alles noch einmal schwärzer, wie mit einem dunklen Lack überzogen. „Welcome to Ukraine! I hope you enjoy it!“, verabschiedet unser Uber-Fahrer sich nach der rund halbstündigen Fahrt vom Flughafen und entlässt uns in die warme, helle Eingangshalle des Holiday Inn*, in dem wir unterkommen. Wir werfen unsere Rucksäcke in die Ecke, trocknen uns notdürftig ein bisschen ab und setzen die Kapuzen wieder auf, um nach einem Restaurant zu suchen. Das Abenteuer Ukraine hat begonnen.

Unser erster Stop? Ein spätes Dinner im Restaurant Khatynka, nur 10 Minuten zu Fuß von unserem Hotel…

Essen in der ukraine

Bortsch – eine Suppe, die traditionell mit roter Beete zubereitet wird und auch eine entsprechende Farbe hat.  Außerdem hinein kommen Zwiebeln, Karotten, Kartoffeln und Rindfleisch. Serviert wird die Suppe mit einem dicken Klecks Sauerrahm

Soljanka – Eine Suppe, die aus Sauerkraut und Essiggurken Sud hergestellt wird. Außerdem können Schinken oder Speck, Pilze oder eingelegte Gemüse hinzukommen. Regional ist die Soljanka sehr unterschiedlich

Wareniki – Teigtaschen, die mit den unterschiedlichsten Dingen gefüllt werden. Häufig sind: Kartoffeln, Sauerkraut oder Fleisch. Serviert werden die Wareniki mit Sauerrahm. Es gibt auch süße Varianten mit Beeren 

Syrnyky – Quarkbällchen. Sie werden mit einer Art roter Grütze serviert

Kiever Torte – Ein Torte die aus mehreren Schichten Buttercreme, Haselnüssen und Meringue besteht. Ein echter Killer!

Restaurant-Tipp: Wenn ihr das Holiday Inn bucht, ist das Restaurant Khatynka ganz in der Nähe. Serviert werden dort alle oben genannten Gerichte. Trinkgeld muss man in der Ukraine generell nicht geben – umso  mehr freuen sich die Kellner aber bei gutem Service um die üblichen 10 Prozent. Auch, wenn die Überraschung jedes Mal groß war, wenn wir Trinkgeld gegeben haben. 

roaming the city...

Auch am nächsten Morgen kann ich noch nicht viel von der ukrainischen Haupstadt sehen. Vom Laufband im Fitnessstudio auf dem letzten Stock des Hotels kann ich die Größe der Stadt erahnen, verborgen ist sie allerdings im Nebel. Während meine Freundin sich zu ihrem Kongress aufmacht, mache ich mich bereit, um die Kiev zu erkunden.

Vom Hotel bis zum berühmten Majdan, dem Unabhängigkeitsplatz, auf dem im Jahr 2014 die ukrainische Revolution ihren Anfang fand, sind es 40 Minuten, die ich zu Fuß zurücklegen will. Die Stadt einfach aufsaugen, kennen lernen, ihren Vibe spüren. So lerne ich einen Ort am liebsten kennen – besonders, wenn ich mir nicht vorher eine Sightseeing-Route zurecht gelegt habe.

Auf dem Weg passiere ich jede Menge kleiner Coffee Stands und Restaurants rund um die Metro-Station Olimpiiska. Ich  schlendere durch den Schewtschenko-Park und lege an der Markthalle Bessarabska eine kurze Verschnaufpause ein. Dann geht es über die Khreshchatyk Straße mit ihren Prachtbauten – fast schon Palästen – und Shopping-Möglichkeiten bis zum Majdan.  

Obwohl ich kein Architektur-Freak bin, flasht mich die Abwechslung aus Sowjet-Hässlichkeit, Barock und Jugendstil schon ziemlich. Selbst Regenund Nebel tun dem keinen Abbruch. 

Nicht gerechnet habe ich mit den zahlreichen unterirdischen Passagen voller Shops und Snackbuden, die als Unterführungen unter Straßen hindurchführen, U-Bahn-Linien verbinden oder einfach nur gegen die Winterkälte schützen?

Ich komme am Majdan an und bin überrascht, dass die unterirdischen Shopping-Möglichkeiten auch vor diesem ikonischen Okatz nicht Halt gemacht haben. Direkt hinter dem Unabhängigkeitsdenkmal der Ukraine trohnt eine hässliche Glaskuppel, die zum Globus Shopping Center gehört, das den ganzen Platz untertunnelt. Ansonsten erinnert nichts mehr daran – zumindest nicht für mich – an die Revolution, die hier ihren Anfang fand oder auch nur ansatzweise an den Krieg, der in manchen Teilen des Landes noch immer tobt.

Die Ukrainer sind laid-back, chic, kosmopolitisch – und in Eile hier in Kyiv. Wie die Einwohner einer jeden Weltstadt. Sie lächeln nicht viel, aber sie freuen sich über Touristen und darüber freue ich mich. 

Ich fühle mich auf seltsame Weise ziemlich Willkommen in Kiev, obwohl ich kein Wort verstehen, kein Straßenschild lesen kann und auch sonst ziemlich verloren bin – auf eine gute Art und Weise. 

shopping

Всі Свої Магазин (Vsi Svoi Magazin) ist ein ukrainisches Design-Projekt, das inzwischen zwei Läden in Kiev hat. Einen für Bekleidung, Schuhe und Accessoires und einen für Deko, Keramik und Möbel. Seit 2015 wuchs das Projekt auf mehr als 250 Designer an, die ihre Produkte in den beiden Geschäften ausstellen.

Vsi Svoi ist der ideale Laden, um außergewöhnliche Accessoires und Designs und besondere Souvenirs zu finden und außerdem lokale Künstler zu unterstützen. 

mehr restaurants

The Life of Wonderful People (Життя чудових людей -ЖЧЛ) – ein kleines, aber sehr feines Restaurant. Wir haben ohne Reservierung keinen Tisch bekommen, durften aber an der Bar sitzen, was am Ende prima war. Wir hatten eine nette Unterhaltung mit dem Barkeeper und haben eine Kiever Torte abgestaubt. Leckeres Frühstück und middle eastern Küche und sehr gute Drinks!

Ostannya Bar – mitten im Shopping Center auf dem Majdan, dem Unabhängigkeitsplatz, versteckt sich dieses Restaurant für all jene, die für die Ukraine auf die Barrikaden gingen, gehen oder gehen würden. 100 Prozent ukrainisch nennt die Bar sich und bietet nicht nur traditionelles Essen, sondern auch Ausstellungen oder Musik. Eintritt bekommt, ganz nach dem revolutionären Gedanken, nur derjenige, der das Passwort kennt (das versteckt sich übrigens schon auf der Website des Restaurants).

Druzi – Das Studentencafé liegt nicht weit vom Unabhängigkeitsplatz entfernt auf dem Weg zum Goldenen Tor, einer weiteren Sehenswürdigkeit von Kiev. Die Preise sind hipstermäßig etwas höher, Atmosphäre und Interior aber super schön!

some more facts

  1. Die Metro-Station Arsenalna in Kiev ist die tiefste U-Bahn-Station der Welt. Insgesamt 105 Meter geht es unter den Erdboden.
  2. Rechnet man Russland nicht ein, ist die Ukraine das größte europäische Land und außerdem einer der größten Getreideexporteure weltweit.
  3. Die Euromaidan-Proteste Ende 2013 und Anfang 2014 führten schlussendlich zum Rücktritt des ukrainischen Präsidenten und infolge dessen auch zu einer Entfernung der Ukraine von ihrem langjährigen Partner, Russland. Eine Entwicklung die schlussendlich zum Krimkrieg führte. Auch heute noch warnt das Auswärtige Amt vor bewaffneten Auseinandersetzungen und einigen Teilen der Ukraine.
  4. Vodka ist den Ukrainern nicht genug– in der Ukraine wird horilka getrunken, burning water. Damit es richtig brennt, wird horilka auch manchmal mit Chilipfeffer gewürzt.
  5. Auch die Kaffee-Kultur in der Ukraine kann sich inzwischen sehen lassen. In Kiev gibt es super viele Cafés und an jeder Straßenecke einen kleinen Kiosk, der Kaffee verkauft.

down Andriivs'kyi descent

Ein Muss sind in Kiev sicherlich die zahlreichen orthodoxen Kirchen, wie das Kloster St. Michael. Es schmiegt sich an den Rand des Parks Volodymyrska Hill von dem aus man bei schönem Wetter sicherlich einen tollen Blick über die Stadt und den Dnepr hat. Uns begrüßen leider nur dichthängende Nebelschwaden. Trotzdem ist das Michaelskloster nicht unser letzter Stopp.

Alle Ukrainer, die ich um Tipps für ihre Hauptstadt gebeten haben, waren sich einig: Hoch zur St.-Andreas-Kirche und dann über den Andreassteig nach unten laufen! 

Nicht ganz einen Kilometer windet sich die kopfsteingepflasterte Straße von der erhabenen orthodoxen Kirche nach unten, gesäumt ist sie von kleinen Künstlerateliers, die Architektur ist wunderschön. 

Wie, um uns für unsere Geduld zu belohnen kommt endlich auch ein bisschen Bewegung in die Wolken und wir können die älteste Straße der Stadt tatsächlich im Schein ein paar schwacher Sonnenstrahlen genießen – und die Stadt so sehen, wie sie wirklich ist: überraschend traumhaft!

was man sonst noch in kiev machen kann

  1.  Vor dem Haus der Chimären stehen und die bizarren  Tiere an der Fassade bestaunen
  2.  Durch den botanischen Garten flanieren
  3. Das Museum der ukrainischen Geschichte und des 2. Weltkriegs besuchen
  4. Die Kiever Höhlenklöster auf dem Lavra besuchen – und das nicht nur ober- sondern vor allem auch unterirdisch 
  5. Durch den Volodymyrska-Park zum Denkmal der Völkerfreundschaft wandern und von dort den Blick über den Dnepr genießen
  6. Bei Regen: Das Museum über die Geschichte der Toilette besuchen. Abstrus, aber sicher unterhaltsam

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