Corona Diary – 21 days and counting

by Kathi Daniela
A man grows most tired by standing still.

Er legt auf, das Handy auf den Tisch und schüttelt den Kopf. Ich habe es kaum zu Hoffen gewagt, schon erwartet, trotzdem trifft mich die Enttäuschung wie ein Schlag ins Gesicht. Ich spüre sie wie einen harten Knoten im Hals, kann kaum schlucken, am liebsten würde ich mich gleich wieder zurück ins Bett legen, die Decke über den Kopf ziehen, bin so müde, obwohl ich gerade erst aufgestanden bin.

Ich weiß nicht, wie viele Telefonate wir inzwischen geführt haben. Mit dem bosnischen Konsulat, der deutschen Botschaft, dem bosnischen Einwohneramt, der Ausländerbehörde, dem Auswärtigen Amt – weiterhelfen kann uns am Ende niemand. „Sie müssen die Situation beobachten“, ist die definitivste Aussage, die wir erhalten – also quasi gar keine.

Seit 21 Tagen sollten wir in Sarajevo sein, bei der Familie meines Mannes. Seit 21 Tagen sitzen wir in unserer Wohnung in München fest, 10 Tage haben wir sie noch, dann endet der Mietvertrag. Schon allein bei dem Gedanken daran spüre ich Panik in mir aufsteigen. Ich weiß, es gibt Schlimmeres, ich weiß, andere Menschen bangen um ihre Existenz – wir nur darum, ob wir unsere Auswanderung antreten können oder ob ich samt meinem Mann wieder bei meinen Eltern einziehen muss. Und trotzdem steht unsere Zukunft gerade eben genauso an einer Kippe – die Pausentaste noch gedrückt – und wir wissen nicht, wie es weiter geht.

Seit 21 Tagen sollten wir nicht nur in Sarajevo sein, sondern mein Mann auch seinen neuen Job angefangen haben. Der Job, der uns beide so begeistert hat, der uns als digitale Nomaden einen Sommer auf den Balkan und dann nach Südafrika bringen sollte. Jetzt – ist der Visumsprozess eingefroren. Der Arbeitsbeginn ein großes Fragezeichen. 

Besorgte Freunde rufen bei uns an, schreiben Nachrichten, drücken die Daumen. Wie gerne würde ich ihnen endlich einmal etwas anderes sagen als: „Wir wissen es nicht.“ Nicht-Wissen zermürbt, erschöpft, deprimiert. Mit allem, was ich weiß, kann ich arbeiten. Ich kann darüber verzweifeln, es verfluchen und schlussendlich akzeptieren. Aber was ich nicht weiß, kann ich auch nicht verarbeiten. Ich hänge zwischen freudiger Erwartung und der Unfähigkeit, mich zu bewegen – im metaphorischen, wie ich auch im tatsächlichen Sinn.

„Uns fällt schon was ein“, sagt er. 

„Ich weiß“, erwidere ich. 

Wir führen diese Konversation täglich. Mal muntert er mich auf, mal ich ihn. Mal bleiben wir beide stumm, machen einfach nur eine Flasche Wein auf und stoßen trotzig an. Dieses Virus hat alle unsere Träume verschoben, verlegt, verworfen. Wie in einem Kniffel-Spiel können wir nicht mehr entscheiden, wie die Würfel fallen sollen, wenn wir sie einmal geworfen haben. Aber wir können entscheiden, welche Augen wir wählen,  welche Würfel wir wieder in den Becher zurück geben – und schlussendlich auf unser Glück vertrauen. 

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